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Wandern im Regen: was funktioniert und wann man abbricht

Wandern im Regen: was funktioniert und wann man abbricht

Es gibt ein Sprichwort unter Bergsteigern, das gut gemeint und nur halb richtig ist: Es gebe kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Für einen Waldweg im Tal stimmt das. Für eine Bergtour nicht. Regen verändert am Berg mehrere Dinge gleichzeitig, und die Kombination ist es, die aus einer nassen Tour eine gefährliche macht.

Das heißt nicht, dass man bei Regen zu Hause bleiben muss. Es heißt, dass man vorher weiß, worauf man sich einlässt.

Was Regen tatsächlich verändert

Der Untergrund wird rutschig — unterschiedlich stark. Nasser, rauer Fels ist noch brauchbar. Polierter Kalk, glatte Platten, Wurzeln und vor allem nasses Gras sind es nicht. Steile Grashalden bei Nässe gehören zu den tückischsten Untergründen am Berg, weil sie harmlos aussehen und keinen Halt bieten.

Die Sicht sinkt. Regen kommt selten allein — meist mit tiefen Wolken. Damit wird aus einem Regenproblem ein Orientierungsproblem. Mehr dazu im Beitrag Orientierung verloren im Nebel.

Die Temperatur fällt. Regen kühlt, und nasse Kleidung plus Wind ist der klassische Weg in eine Unterkühlung — auch im Sommer. Von Unterkühlung spricht man ab einer Körperkerntemperatur unter 35 Grad, und die ist bei fünf Grad, Nieselregen und Wind auf einem Grat schneller erreicht, als die meisten annehmen.

Bäche schwellen an. Was am Morgen ein Rinnsal war, kann nachmittags eine ernste Querung sein. Besonders nach Gewittern und in Karen mit großem Einzugsgebiet.

Steinschlag wird wahrscheinlicher. Wasser löst Material, und in Rinnen sammelt es sich.

Die Stimmung kippt. Der am meisten unterschätzte Punkt. Nass, kalt und schlecht gelaunt trifft man schlechtere Entscheidungen — und geht schneller, als es der Untergrund erlaubt.

Wanderweg im Regen, nasser Fels und tief hängende Wolken über einem Tal
Regen kommt selten allein — meist mit tiefen Wolken und damit auch mit einem Orientierungsproblem.

Was wirklich trocken hält

Die Jacke. Wasserdicht heißt wasserdicht, nicht wasserabweisend. Eine Softshell hält zwanzig Minuten Nieselregen aus, mehr nicht. Für eine Bergtour braucht es eine Hardshell mit versiegelten Nähten, verstellbarer Kapuze und Belüftungsöffnungen unter den Armen.

Und die unbequeme Wahrheit: Auch die beste Jacke hält nur begrenzt. Nach mehreren Stunden Dauerregen ist irgendwann Wasser drin — durch die Ärmelöffnungen, den Halsausschnitt, den Rucksackträger. Das Ziel ist nicht, trocken anzukommen, sondern lange genug warm zu bleiben.

Die Hose. Eine Regenhose ist unbequem und wird meist zu spät angezogen. Dabei ist sie wichtiger als viele denken: Nasse Beine kühlen stark aus, und die Oberschenkel sind eine große Fläche. Modelle mit langem Seitenreißverschluss lassen sich über die Schuhe anziehen — das ist das Merkmal, auf das es ankommt.

Die Kapuze. Mit Schirm und verstellbar, sodass sie beim Kopfdrehen mitgeht. Eine Kapuze, die die Sicht nimmt, ist am Berg ein Sicherheitsproblem.

Gamaschen. Halten Wasser aus dem Schuhschaft. Auf nassen Wiesen der Unterschied zwischen feuchten und durchweichten Socken.

Und was nicht funktioniert: ein Regenponcho im Wind, ein Schirm im Gebirge, und die Vorstellung, man könne mit einer Regenhülle über dem Rucksack alles trocken halten. Regenhüllen versagen bei seitlichem Regen und Wind regelmäßig.

Wie du packst

Der wichtigste Handgriff: alles wasserdicht verpacken, was nass nicht verträgt. Ein einfacher Müllsack als Innenfutter im Rucksack kostet nichts und wirkt besser als jede Regenhülle.

Konkret gehört wasserdicht verpackt:

  • Die Ersatzkleidung — vor allem die trockene Schicht für die Pause. Sie ist wertlos, wenn sie mit nass wird.
  • Die warme Schicht. Nasse Daune wärmt nicht mehr. Wer bei Regenwetter unterwegs ist, nimmt besser Kunstfaser mit — sie wärmt auch feucht.
  • Erste Hilfe und Rettungsdecke.
  • Powerbank und Kabel.
  • Papierkarte, falls dabei.

Das Handy gehört in einen Gefrierbeutel mit Zipper. Bedienen lässt es sich durch die Folie hindurch problemlos, und die meisten Geräte sind nur spritzwassergeschützt — bei mehrjährigen Geräten hat die Dichtung ohnehin nachgelassen. Mehr dazu im Beitrag Handy am Berg.

Gehen bei Nässe

Vier Anpassungen, die den Unterschied machen:

Langsamer. Nicht ein bisschen — deutlich. Jeder Tritt braucht mehr Aufmerksamkeit, und die Zeitplanung muss das abbilden.

Ganze Sohle aufsetzen. Bei Nässe zählt jede Quadratzentimeter Auflagefläche. Auf glatten Platten die raueren Stellen suchen; Flechten und Moos meiden — beides ist nass extrem glatt.

Steile Grashalden meiden. Wenn ein Weg eine steile Wiesenflanke quert und es regnet, ist das die Stelle, an der man umkehrt. Nasses Gras bietet praktisch keinen Halt, und ein Ausrutscher endet erst am Ende des Hangs.

Stöcke einsetzen. Zwei zusätzliche Kontaktpunkte sind bei rutschigem Untergrund mehr wert als bei trockenem.

Mehr zur Technik im Beitrag Gehtechnik und Trittsicherheit.

Wanderer in Regenjacke geht über nasse Felsplatten, Wasser läuft über den Stein
Nasser polierter Fels und nasses Gras sind die tückischsten Untergründe — dort entscheidet die Auflagefläche.

Die Abbruchkriterien

Am besten vor der Tour festlegen, weil man sie unterwegs sonst wegdiskutiert.

Abbrechen, wenn:

  • Du zitterst, obwohl du gehst. Das ist der Beginn einer Unterkühlung, und ab da wird es nicht besser.
  • Die Kleidung durch ist und keine trockene Schicht mehr da.
  • Ein steiler Grashang oder eine ausgesetzte Platte auf der Route liegt und nass ist.
  • Ein Bach deutlich angeschwollen ist, den du auf dem Rückweg queren musst.
  • Die Sicht unter etwa 50 Meter fällt und du nicht sicher weißt, wo du bist.
  • Jemand in der Gruppe unsicher geht. Nässe plus Müdigkeit ist eine schlechte Mischung.

Und die einfachste Regel von allen: Wenn es keinen Spaß mehr macht und die Tour nichts liefert außer Nässe — kehr um. Ein Gipfel im Nebel bei Regen ist kein Gipfel, sondern ein Standpunkt.

Wenn du unterwegs nass wirst

Früh reagieren, nicht später. Die Regenjacke gehört angezogen, bevor man nass ist. Wer wartet, bis es richtig schüttet, hat die Unterschicht schon durchfeuchtet — und die trocknet unterwegs nicht mehr.

Dasselbe gilt für die Pause: In nasser Kleidung stehen zu bleiben ist der schnellste Weg zur Unterkühlung. Also entweder weitergehen oder konsequent Schutz suchen: Windschatten, trockene Schicht drüber, vom Boden isolieren, etwas Warmes trinken.

Und wenn jemand anfängt zu zittern: Das ist kein „gleich wird's besser". Das ist das Zeichen zum Handeln — Details im Beitrag Erste Hilfe am Berg.

Was für Regen spricht

Bei aller Vorsicht: Regenwetter hat etwas, das schönes Wetter nicht hat.

Die Wege sind leer. Die Farben sind gesättigt, die Luft klar gewaschen. Nebelschwaden, die durch einen Wald ziehen, sind ein Anblick, den man an einem Hochsommertag nie bekommt. Und der Kaffee auf der Hütte danach ist von einer Qualität, die sich bei Sonnenschein nicht einstellt.

Die Kunst besteht darin, die richtige Tour dafür zu wählen: tiefere Lagen, Wald statt Grat, breite Wege statt ausgesetzter Steige, eine Hütte auf halbem Weg, ein kurzer Rückweg. Eine Regentour ist keine verkleinerte Schönwettertour — es ist eine andere Tour.

Die richtige Tour für einen Regentag

Statt eine Schönwettertour zu verkleinern, wählt man am besten eine andere Art von Tour. Was bei Nässe funktioniert:

Waldtouren. Das Kronendach fängt einen erheblichen Teil des Regens ab, der Untergrund ist meist weich statt glatt, und der Wind bleibt draußen. Ein Buchenwald im Regen ist außerdem einer der schönsten Orte, die es gibt.

Klammen und Schluchten. Wasserfälle und Klammen sind bei Regen eindrucksvoller als bei Trockenheit. Aber Vorsicht: Bei Starkregen und nach Gewittern werden sie gesperrt, und das aus gutem Grund.

Hüttenwanderungen mit kurzem Zustieg. Zwei Stunden hinauf, einkehren, zwei Stunden hinunter. Der Aufwand steht in einem guten Verhältnis zum Risiko.

Tallandschaften und Seen. Breite Wege, keine Ausgesetztheit, jederzeit abbrechbar.

Was du nicht machst: Grate, Klettersteige, steile Wiesenflanken, weglose Passagen, alles über der Wolkenuntergrenze. Und keine Tour, deren Rückweg über eine Bachquerung führt.

Nach der Tour

Nasse Ausrüstung braucht Aufmerksamkeit, sonst hält sie nicht lange:

Schuhe: Einlegesohle heraus, Zeitungspapier hinein, an der Luft trocknen — nie auf der Heizung. Ein durchnässter Bergschuh braucht zwei Tage.

Jacke: Zum Trocknen aufhängen, nicht zusammengeknüllt liegen lassen. Und wenn Wasser nicht mehr abperlt: waschen und imprägnieren. Details im Beitrag Ausrüstung pflegen.

Rucksack: Ausleeren, öffnen, trocknen lassen. Feuchte Rucksäcke schimmeln.

Elektronik: Handy und Powerbank herausnehmen, trocknen lassen. Ein feuchtes Ladekabel gehört nicht in die Steckdose.

Häufige Fragen

Wie lange hält eine Regenjacke wirklich dicht? Bei Dauerregen mehrere Stunden, je nach Qualität und Zustand. Die Membran verliert an Wirkung, wenn die Außenschicht sich vollsaugt — daher lohnt regelmäßiges Waschen und Imprägnieren.

Kann ich die Jacke waschen? Ja, und man sollte es sogar. Schmutz und Hautfett setzen die Membran zu. Mit Spezialwaschmittel waschen, danach imprägnieren und im Trockner oder mit dem Bügeleisen aktivieren, sofern das Etikett es erlaubt.

Was ziehe ich unter der Regenjacke an? Kunstfaser oder Merino, keine Baumwolle. Baumwolle saugt sich voll, bleibt nass und kühlt aus.

Sind Regenponchos eine Alternative? Im Flachland ja, am Berg nein. Bei Wind werden sie unkontrollierbar und können sogar gefährlich werden.

Wie erkenne ich, ob es nur ein Schauer ist? Der Bergwetterbericht mit Niederschlagsverlauf hilft mehr als der Blick nach oben. Ein durchziehender Schauer ist etwas anderes als eine Front — wie man das unterscheidet, steht im Beitrag Bergwetter richtig lesen.

Wenn es länger dauert

Regen verlangsamt eine Tour zuverlässig — mehr, als die meisten einplanen. Aus sechs Stunden werden acht, und plötzlich läuft die Dämmerung mit.

Genau dafür ist Alpen Buddy gebaut. Du legst beim Start deiner Tour eine Endzeit fest. Verstreicht sie, ruft dich ein Sprachassistent an — bist du nur langsamer, verlängerst du im Gespräch, ohne im Regen nach Empfang zu suchen. Meldest du dich nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher bestimmt hast, mit deiner Route und deinem letzten bekannten Standort.

Bei Nässe und Kälte zählt jede Stunde, die früher gesucht wird, doppelt.

Kurz gefasst

  • Regen verändert Untergrund, Sicht, Temperatur und Bachpegel gleichzeitig — die Kombination ist das Problem.
  • Nasses Gras und polierter Fels sind die tückischsten Untergründe.
  • Hardshell statt Softshell, Regenhose mit langem Seitenreißverschluss, Gamaschen.
  • Kunstfaser statt Daune, Ersatzkleidung wasserdicht verpackt, Müllsack statt Regenhülle.
  • Jacke anziehen, bevor man nass ist.
  • Abbrechen bei Zittern trotz Bewegung, durchnässter Kleidung, nassen Grashängen, angeschwollenen Bächen.
  • Und: Für Regen die andere Tour wählen — tiefer, waldiger, kürzer.