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Wildtiere am Berg: was harmlos ist und was Abstand braucht

Wildtiere am Berg: was harmlos ist und was Abstand braucht

Eine Gams, die reglos auf einem Felsband steht und einen anschaut. Ein Steinbock, der sich vom Gipfelrummel überhaupt nicht stören lässt. Ein Murmeltier, das pfeift und in seinem Bau verschwindet.

Solche Begegnungen sind für viele der eigentliche Grund, in die Berge zu gehen. Und sie sind fast ausnahmslos ungefährlich — der Alpenraum ist, was Wildtiere angeht, eine ausgesprochen harmlose Gegend.

Trotzdem lohnt es sich, ein paar Dinge zu wissen. Meistens weniger zum eigenen Schutz als zum Schutz der Tiere.

Wem du tatsächlich begegnest

Gämsen. Am häufigsten und am scheusten. Sie sehen und hören dich lange vor dir und weichen aus. Wenn eine stehen bleibt und dich anschaut, ist sie neugierig, nicht drohend. Abstand halten, weitergehen — das war's.

Steinböcke. Deutlich gelassener, teils erstaunlich wenig scheu, vor allem an bekannten Gipfeln. Ein Steinbock, der drei Meter neben dem Weg liegt, ist kein Einladung zum Selfie. Er ist ein Wildtier mit beeindruckenden Hörnern, das gerade keine Lust hat aufzustehen. Abstand halten, nicht füttern, nicht anfassen.

Murmeltiere. Der Klassiker. Sie pfeifen als Warnung an ihre Artgenossen — das gilt dir, ist aber keine Drohung. Füttern ist verboten und schadet ihnen: Menschennahrung verträgt ihr Verdauungssystem nicht, und zutrauliche Tiere überleben den Winter schlechter.

Rehe, Hirsche, Rotwild. Meist im Wald und in der Dämmerung. Im Herbst ist Brunftzeit — dann röhren die Hirsche, und man sollte ihnen deutlich aus dem Weg gehen. Ein brunftiger Hirsch ist eines der wenigen heimischen Tiere, die tatsächlich angreifen können.

Vögel. Steinadler, Bartgeier, Alpendohlen. Alle harmlos, alle sehenswert. Die Alpendohlen auf dem Gipfel haben allerdings gelernt, dass Rucksäcke Essen enthalten — offen liegen lassen sollte man nichts.

Gämse steht auf einem Felsband und beobachtet aufmerksam, alpines Gelände im Hintergrund
Gämsen sehen dich lange vor dir. Wenn eine stehen bleibt, ist sie neugierig — nicht drohend.

Die Grundregeln

Sie gelten für alle Tiere und sind schnell gemerkt:

Abstand halten. Je größer das Tier, desto mehr. Als grobe Orientierung: Wenn das Tier sein Verhalten wegen dir ändert — aufhört zu fressen, aufsteht, sich zu dir dreht —, bist du zu nah.

Ruhig sein. Keine hektischen Bewegungen, nicht rufen, nicht rennen.

Nicht füttern. Nie. Es schadet den Tieren, macht sie zutraulich und damit auf Dauer zum Problem.

Auf dem Weg bleiben. Der wirksamste Beitrag zum Wildtierschutz überhaupt. Tiere gewöhnen sich an Menschen auf Wegen — was sie stört, ist der Mensch, der plötzlich querfeldein auftaucht, wo keiner erwartet wird.

Hunde anleinen. In Wildgebieten immer. Ein freilaufender Hund treibt Wild auf, und im Winter kostet das die Tiere Reserven, die über Leben und Tod entscheiden.

Dämmerung meiden, wo es geht. Morgens und abends sind die aktiven Zeiten — genau dann, wenn Störung am meisten schadet.

Schlangen

Das Thema, bei dem die Sorge am größten und die Gefahr am kleinsten ist.

Im Alpenraum gibt es zwei Giftschlangenarten: Kreuzotter und Aspisviper. Beide sind scheu, beide beißen fast nur, wenn sie sich bedrängt fühlen — etwa wenn jemand auf sie tritt oder in eine Felsspalte greift.

Bisse sind selten und für gesunde Erwachsene fast nie lebensbedrohlich. Gefährlicher wird es bei Kindern, älteren Menschen und Vorerkrankungen.

Was schützt:

  • Feste Schuhe und lange Hosen
  • Auf dem Weg bleiben
  • Nicht in Felsspalten, unter Steine oder in Holzstöße greifen, ohne hinzusehen
  • Bei warmem Wetter an Steinplatten und Mauern aufmerksam sein — dort sonnen sie sich

Wenn es doch passiert:

  1. Ruhig bleiben und die betroffene Gliedmaße ruhigstellen — Bewegung verteilt das Gift schneller.
  2. 112 rufen.
  3. Nicht aussaugen, nicht abbinden, nicht aufschneiden, nicht kühlen. All das schadet mehr, als es hilft.
  4. Schmuck und enge Kleidung entfernen, bevor die Stelle anschwillt.
  5. Wenn möglich: sich tragen lassen statt gehen.

Große Beutegreifer

Wolf, Bär und Luchs sind in Teile des Alpenraums zurückgekehrt. Für Wandernde ändert das praktisch wenig — Begegnungen sind ausgesprochen selten, und alle drei meiden Menschen.

Wolf. Scheu, meidet Menschen. Eine Begegnung ist ein seltenes Erlebnis, keine Gefahr. Falls doch: stehen bleiben, ruhig zurückziehen, nicht rennen, Hund anleinen.

Bär. In manchen Regionen vorhanden, vor allem im Trentino und im slowenisch-österreichischen Grenzraum. Wichtig ist, ihn nicht zu überraschen: In unübersichtlichem Gelände gelegentlich Geräusche machen. Bei einer Begegnung: ruhig sprechen, sich groß machen, langsam rückwärts weggehen. Nicht rennen, nicht auf Bäume klettern.

Luchs. Praktisch nie zu sehen, völlig ungefährlich.

Der praktisch relevantere Punkt ist ein anderer: Wo große Beutegreifer sind, gibt es Herdenschutzhunde. Und die sind für Wandernde die deutlich häufigere Begegnung — dazu ausführlich der Beitrag Kühe, Mutterkühe, Herdenschutzhunde.

Steinbock liegt gelassen auf einem Felsvorsprung, im Hintergrund Bergpanorama
Ein Steinbock, der liegen bleibt, ist keine Einladung — er ist ein Wildtier, das gerade keine Lust hat aufzustehen.

Der wichtigere Teil: Rücksicht

Bis hierher ging es um den eigenen Schutz. Der praktisch wichtigere Punkt ist der umgekehrte.

Wildruhezonen. In vielen Regionen sind Gebiete ausgewiesen, in denen im Winter nicht betreten werden darf. Sie schützen Tiere in der Zeit, in der jede Flucht Reserven kostet, die sie nicht haben. Ein aufgescheuchtes Rudel im Februar kann Tiere das Leben kosten — nicht durch den Schreck, sondern durch den Energieverlust.

Die Dämmerung. Morgens und abends sind die Zeiten, in denen Wild äst. Wer dann durch Wald und Waldrand geht, stört am meisten.

Der Weg. Auf dem Weg zu bleiben ist die einfachste und wirksamste Maßnahme. Tiere kalkulieren Wege ein; sie kalkulieren keinen Menschen ein, der querfeldein durch eine Mulde kommt.

Die Drohne. Ein wachsendes Problem. Aus Tiersicht sieht eine Drohne aus wie ein Greifvogel — sie löst massiven Stress aus. In Schutzgebieten sind sie ohnehin meist verboten.

Der Hund. Auch der bravste. Für Wild ist ein Hund ein Raubtier, unabhängig davon, wie er sich benimmt.

Die Jahreszeiten

Wann man welchem Tier begegnet und worauf es dann ankommt:

Frühjahr. Setzzeit — viele Tiere haben Junge. Rehkitze liegen im hohen Gras und rühren sich nicht; wer eines findet, geht weiter und fasst es keinesfalls an. Die Mutter ist in der Nähe.

Sommer. Die entspannteste Zeit. Wild ist in höheren Lagen, Begegnungen sind häufig und unproblematisch.

Herbst. Brunftzeit bei Hirsch und Gams, etwa von September bis Dezember. Röhrende Hirsche sind beeindruckend und gehören aus der Ferne beobachtet. Zugleich ist Jagdzeit — in manchen Regionen gibt es Hinweise auf Treibjagden, die man ernst nehmen sollte.

Winter. Die kritischste Zeit für die Tiere, obwohl man am wenigsten sieht. Wild fährt seinen Stoffwechsel herunter und lebt von Reserven. Jede Flucht kostet Energie, die nicht ersetzt werden kann. Deshalb gibt es Wildruhezonen, deshalb gilt das Wegegebot besonders — und deshalb sollte man Skitouren und Schneeschuhrouten im Wald nicht querfeldein legen.

Was du melden solltest

Es gibt Beobachtungen, die weitergegeben gehören:

Verletzte oder tote Tiere — an die örtliche Jägerschaft, die Bergwacht oder die Gemeinde. Nicht anfassen, Standort merken.

Auffälliges Verhalten, etwa ein Fuchs, der keine Scheu zeigt.

Nachweise großer Beutegreifer — Spuren, Risse, Sichtungen. Dafür gibt es in mehreren Alpenländern Meldestellen, und die Daten sind für das Monitoring wertvoll.

Herdenschutzhunde ohne Hinweisschild — an die Gemeinde oder den Tourismusverband, damit die Beschilderung ergänzt wird.

Häufige Fragen

Sind Murmeltiere gefährlich? Nein. Aber sie können beißen, wenn man sie füttern will — und das kann eine üble Wunde geben. Nicht anfassen, nicht füttern.

Was mache ich, wenn ein Hirsch röhrt? In der Brunftzeit im September und Oktober weiträumig ausweichen und nicht näher gehen, um zu fotografieren. Brunftige Hirsche sind unberechenbar.

Kann ich Wild fotografieren? Ja, mit Abstand und Teleobjektiv. Was nicht geht: sich anschleichen, den Fluchtweg abschneiden, ein Tier bedrängen, um eine bessere Aufnahme zu bekommen. Wenn das Tier reagiert, ist die Aufnahme schon zu teuer.

Muss ich Essen sicher verstauen? Im Alpenraum in aller Regel nicht — anders als in Bärengebieten Nordamerikas. Auf Hütten und an Gipfeln aber: Rucksack nicht offen stehen lassen, sonst holen sich die Dohlen ihren Anteil.

Was, wenn ich ein verletztes Tier finde? Nicht anfassen und nicht mitnehmen. Standort merken und die örtliche Jägerschaft, die Bergwacht oder die Gemeinde informieren.

Was das mit der Tour zu tun hat

Wildtiere sind kein Sicherheitsrisiko, das die Tourenplanung bestimmt. Zwei kleine Anpassungen lohnen sich trotzdem:

Wildruhezonen vor der Tour prüfen, besonders im Winter. Sie sind in den Karten-Apps und auf den Seiten der Alpenvereine eingezeichnet.

Bei Alleingängen im Dämmerlicht ein Stück lauter unterwegs sein — nicht aus Angst, sondern damit Tiere rechtzeitig ausweichen können, statt erschrocken loszurennen. Ein erschrockenes Wildschwein oder ein aufgescheuchter Hirsch auf einem schmalen Weg ist die eine Situation, in der es tatsächlich unangenehm werden kann.

Und wie bei allem am Berg gilt: Wenn doch etwas passiert und du allein bist, zählt, ob jemand merkt, dass du überfällig bist. Bei Alpen Buddy legst du beim Start deiner Tour eine Endzeit fest — verstreicht sie, ruft dich ein Sprachassistent an, und meldest du dich nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher bestimmt hast.

Kurz gefasst

  • Die Alpen sind, was Wildtiere angeht, eine harmlose Gegend — Begegnungen sind ein Geschenk, keine Gefahr.
  • Grundregeln: Abstand, Ruhe, nicht füttern, auf dem Weg bleiben, Hunde anleinen.
  • Wenn das Tier sein Verhalten ändert, bist du zu nah.
  • Schlangenbisse sind selten und selten lebensbedrohlich: ruhigstellen, 112, nicht aussaugen oder abbinden.
  • Wolf, Bär, Luchs meiden Menschen. Praktisch relevanter sind Herdenschutzhunde.
  • Brunftzeit im Herbst: Hirschen weiträumig ausweichen.
  • Der wichtigste Punkt ist die Rücksicht: Wildruhezonen beachten, Dämmerung meiden, keine Drohnen.