Wetterdienste im Vergleich: warum die Prognosen abweichen
Am Abend vor der Tour macht man den Fehler, den alle machen: Man schaut in drei Apps.
Die erste sagt sonnig. Die zweite zeigt für denselben Ort eine Regenwolke. Die dritte gibt 40 Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit an, was auch niemandem hilft.
Wer davon hat recht? Vermutlich alle drei. Um zu verstehen, warum, muss man kurz wissen, was hinter einer Wettervorhersage steckt.
Woher die Unterschiede kommen
Es sind nur wenige Modelle — aber viele Apps. Die allermeisten Wetter-Apps rechnen nicht selbst. Sie stellen die Ergebnisse großer Wettermodelle dar, die von einer Handvoll Wetterdiensten weltweit betrieben werden. Unterschiede entstehen also weniger dadurch, dass jemand besser rechnet, als dadurch, welches Modell eine App verwendet und wie sie es aufbereitet.
Die Auflösung. Globale Modelle rechnen mit Gitterzellen von mehreren Kilometern Kantenlänge. In einem Gebirge, in dem sich auf zwei Kilometern 1.500 Höhenmeter befinden, ist eine solche Zelle eine grobe Vereinfachung: Das Modell kennt dort einen geglätteten Berg, nicht den echten. Regionale Modelle rechnen feiner, decken dafür kleinere Gebiete ab.
Der Zeitpunkt der Berechnung. Modelle laufen mehrmals täglich. Eine App, die den Lauf von 0 Uhr zeigt, und eine, die den von 12 Uhr zeigt, kommen zu verschiedenen Ergebnissen — ohne dass eine falsch wäre.
Die Darstellung. „40 Prozent Regenwahrscheinlichkeit" kann bedeuten: An 40 Prozent der Tage mit dieser Wetterlage regnet es. Oder: Es regnet in 40 Prozent des Gebiets. Oder: Das Modell ist sich zu 40 Prozent sicher. Die Apps sagen selten, was gemeint ist.
Die Höhe. Der entscheidende Punkt fürs Gebirge. Eine Punktprognose gilt für eine Höhenlage — meist die des Talorts. Für den Gipfel 1.500 Meter darüber sagt sie fast nichts.
Was das fürs Gebirge heißt
Automatische Punktprognosen taugen für den Talort, nicht für die Tour. Sie sind schnell, bequem und im Gebirge systematisch ungenau, weil sie das Gelände glätten.
Was du stattdessen brauchst, sind Angaben, die auf die Höhe bezogen sind:
- Wolkenuntergrenze — ab welcher Höhe bist du im Nebel?
- Nullgradgrenze — wo geht Regen in Schnee über?
- Windgeschwindigkeit auf 2.000 und 3.000 Metern, inklusive Böen
- Gewitterneigung und ihr zeitlicher Verlauf
- Temperatur in verschiedenen Höhen
Diese Angaben liefern Bergwetterberichte — die Wetterdienste der Alpenvereine, die Bergwetterabteilungen der nationalen Wetterdienste und spezialisierte Anbieter. Sie sind meist Text statt Symbol, und genau das ist ihr Vorteil: Ein Mensch hat die Modelldaten interpretiert und schreibt hin, was sie für das Gebirge bedeuten.
Die drei Kategorien
1. Der Bergwetterbericht. Von Meteorologen erstellt, auf Gebirgsgruppen und Höhenstufen bezogen, meist als Text mit Höhenangaben. Für die Tourenentscheidung die wertvollste Quelle. Erscheint typischerweise einmal täglich, teils zweimal.
2. Die Modellkarten. Rohdaten aus verschiedenen Modellen, oft mehrere nebeneinander darstellbar. Für Fortgeschrittene: Wenn drei Modelle dasselbe zeigen, ist die Prognose belastbar. Wenn sie auseinanderlaufen, ist die Lage unsicher — und genau das ist die nützlichste Information überhaupt.
3. Die Punktprognose-Apps. Schnell, bequem, für den Talort brauchbar. Als Ergänzung für den Blick auf die nächsten Stunden und für Regenradar in Ordnung, als alleinige Entscheidungsgrundlage im Gebirge nicht.
Dazu kommt ein vierter Typ, der oft unterschätzt wird: Das Regenradar. Für die nächsten ein bis zwei Stunden ist es der genaueste Blick, den es gibt — weil es misst statt rechnet. Für alles darüber hinaus taugt es nicht.
Wie man drei Prognosen zu einer Entscheidung macht
Ein Vorgehen, das sich bewährt hat:
1. Am Abend vorher den Bergwetterbericht lesen. Nicht die Symbole — den Text. Was ist die Wetterlage? Wo liegt die Wolkenuntergrenze? Wie ist der Trend für den Tagesverlauf?
2. Auf den Grad der Übereinstimmung achten. Sind sich die Quellen einig, ist die Prognose belastbar. Weichen sie ab, plane für das schlechtere Szenario — das ist keine Schwarzmalerei, sondern die einzige Richtung, in der ein Irrtum billig bleibt.
3. Am Morgen noch einmal prüfen. Über Nacht ist ein neuer Modelllauf gekommen. Bei labilen Lagen kann sich einiges verschoben haben.
4. Auf die Uhrzeiten achten, nicht auf die Symbole. „Gewitter am Nachmittag" ist eine Planungsanweisung: früh starten, mittags zurück. Ein Wolkensymbol ohne Zeitangabe ist keine.
5. Unterwegs den Himmel lesen. Die beste Prognose kann eine lokale Entwicklung nicht vorhersagen. Wolken, die vertikal wachsen, sind ein Zeichen, das keine App liefert — siehe Bergwetter richtig lesen.
Was Prognosen leisten — und was nicht
Ein realistischer Blick auf die Genauigkeit:
| Zeitraum | Verlässlichkeit |
|---|---|
| 0–2 Stunden | Sehr gut, wenn man das Regenradar nutzt |
| 1 Tag | Gut — Wetterlage und Trend meist zutreffend |
| 2–3 Tage | Brauchbar für die Grobplanung |
| 4–7 Tage | Nur noch die grobe Richtung |
| über 7 Tage | Für Tourenplanung praktisch wertlos |
Was gut vorhergesagt wird: die Wetterlage — kommt eine Front, ist der Tag labil, bleibt es stabil.
Was schlecht vorhergesagt wird: der Einzelfall in Raum und Zeit — ob es genau in diesem Kar um 14 oder um 16 Uhr gewittert, kann niemand seriös sagen.
Daraus folgt der praktisch wichtigste Rat zum Lesen von Prognosen: Lies die Lage, nicht das Detail. Ein labiler Tag mit Gewitterneigung bedeutet früh starten und mittags unten sein — unabhängig davon, ob das Symbol für 15 oder 17 Uhr eine Wolke zeigt.
Für welche Regionen was gilt
Ein Punkt, der bei Auslandstouren wichtig wird: Die Qualität der Bergwetterberichte ist im Alpenraum ausgesprochen hoch — es gibt dort seit Jahrzehnten spezialisierte Dienste.
In anderen Gebirgen ist das nicht selbstverständlich. Für Touren außerhalb der Alpen lohnt es sich, vorher zu klären, ob es einen lokalen Bergwetterdienst gibt, und wenn nicht, mit größeren Sicherheitsreserven zu planen.
Die Zeichen am Himmel
Keine Prognose ersetzt den Blick nach oben, und ein paar Muster erkennt man nach kurzer Übung.
Cirren — dünne, faserige Schleier ganz hoch. Meist der erste Bote einer Warmfront, 12 bis 24 Stunden vor dem Niederschlag. Noch kein Grund umzukehren, aber ein Grund, den Bericht noch einmal zu prüfen.
Quellwolken mit flacher Basis. Solange sie klein und rundlich bleiben, ist alles gut. Sobald sie höher als breit werden und die Ränder scharf, läuft die Uhr für ein Wärmegewitter.
Ambossform oben. Ein ausgewachsenes Gewitter. Dann ist man im Idealfall längst im Abstieg.
Föhnfische — linsenförmig, glatt, stehen still. Starker Höhenwind bei möglicherweise ruhigem Wetter unten.
Halo um Sonne oder Mond. Entsteht an hohen Eiswolken und ist ein weiteres Zeichen für eine aufziehende Front.
Was die Prognose nicht liefert und der Blick schon: die Entwicklung in den nächsten dreißig Minuten. Ausführlich steht das im Beitrag Bergwetter richtig lesen.
Eine Prognose als Entscheidung
Am Ende zählt nicht, wie gut man vorhersagt, sondern was man daraus macht. Drei Übersetzungen, die sich bewährt haben:
„Labil geschichtet, Gewitterneigung am Nachmittag" → Früh starten, Umkehrzeit auf spätestens 13 Uhr, keine Grattour.
„Wolkenuntergrenze 2.200 Meter" → Wenn die Route höher verläuft, gehst du im Nebel. Entweder tiefer planen oder mit Navigation im Nebel rechnen.
„Böen 70 km/h auf 2.500 Metern" → Kein ausgesetztes Gelände, Pausenplätze im Lee suchen, Seilbahnbetrieb prüfen.
„Nullgradgrenze fällt auf 2.000 Meter" → Über 2.000 kann es schneien. Grödel und warme Schicht einpacken, mit Nässe und Glätte rechnen.
Wer sich angewöhnt, jede Prognose in einen solchen Satz zu übersetzen, hat den eigentlichen Nutzen des Wetterberichts — und braucht sich über abweichende Symbole in drei Apps nicht mehr zu ärgern.
Häufige Fragen
Welcher Dienst ist der beste? Es gibt keinen. Der beste ist der Bergwetterbericht der Region, in der du unterwegs bist — ergänzt um eine App mit Regenradar für die nächsten Stunden.
Warum zeigt meine App für den Gipfel etwas anderes als für das Tal? Weil manche Apps auf Höhe interpolieren. Das ist besser als nichts, aber immer noch eine Rechnung, keine Beobachtung.
Was bedeutet „Niederschlagswahrscheinlichkeit 30 %"? Meist: An 30 Prozent der Tage mit vergleichbarer Wetterlage fällt an diesem Ort messbarer Niederschlag. Es sagt nichts über die Menge und wenig über den Zeitpunkt.
Lohnt sich ein kostenpflichtiges Wetterabo? Für Vielgeher, die Modellkarten vergleichen wollen, ja. Für die klassische Wochenendtour reicht der frei verfügbare Bergwetterbericht.
Kann ich Wetterstationen in Echtzeit abrufen? Ja, viele Bergstationen und Hütten melden Temperatur, Wind und Niederschlag live. Für die Entscheidung am Morgen ist das die ehrlichste Information, die es gibt — sie zeigt, was tatsächlich ist, statt was gerechnet wurde.
Was keine Prognose ersetzt
Die beste Vorhersage sagt dir, was wahrscheinlich passiert. Sie sagt dir nicht, was du tust, wenn es anders kommt.
Genau dafür sind die Umkehrkriterien da — vorher festgelegt, nicht im Moment ausgehandelt. Und dafür ist eine hinterlegte Endzeit da: Wenn ein Wetterumschwung dich zwingt, eine Stunde unter einem Vorsprung zu warten oder eine andere Route zu nehmen, wird die Tour länger als geplant.
Bei AlpenBuddy legst du beim Start eine Endzeit fest. Verstreicht sie, ruft dich ein Sprachassistent an — bist du nur aufgehalten worden, verlängerst du im Gespräch. Meldest du dich nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher bestimmt hast, mit deiner Route und deinem letzten bekannten Standort.
Kurz gefasst
- Die meisten Apps zeigen dieselben Modelle, nur unterschiedlich aufbereitet und zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
- Im Gebirge sind automatische Punktprognosen systematisch ungenau — das Modell kennt einen geglätteten Berg.
- Was du brauchst: Wolkenuntergrenze, Nullgradgrenze, Höhenwind mit Böen, Gewitterneigung — also den Bergwetterbericht.
- Regenradar ist für die nächsten ein bis zwei Stunden das Genaueste, weil es misst statt rechnet.
- Weichen Quellen ab, ist die Lage unsicher — dann für das schlechtere Szenario planen.
- Lies die Lage, nicht das Detail. Und am Morgen noch einmal nachsehen.
- Livedaten von Bergstationen sind oft ehrlicher als jede Vorhersage.