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Kühe, Mutterkühe, Herdenschutzhunde: richtig verhalten auf der Alm

Kühe, Mutterkühe, Herdenschutzhunde: richtig verhalten auf der Alm

Eine Alm im Sommer ist ein friedliches Bild: grüne Weide, ein paar Kühe, Glockengeläut. Genau deshalb gehen die meisten Menschen ohne einen einzigen Gedanken hindurch.

Und meistens geht das gut. Kühe sind keine aggressiven Tiere, und die allermeisten Begegnungen enden damit, dass die Tiere weiterkauen und der Mensch weitergeht.

Aber es gibt Situationen, in denen daraus Ernst wird — und sie sind vorhersehbar. Wer die paar Regeln kennt, geht sie gar nicht erst ein.

Warum Kühe überhaupt reagieren

Ein Rind ist ein Fluchttier mit einem sehr klaren Bedürfnis nach Distanz. Solange du außerhalb dieser Distanz bleibst, passiert nichts. Kommst du hinein, hat das Tier zwei Möglichkeiten: ausweichen oder verteidigen.

Welche es wählt, hängt von drei Dingen ab:

Ob Kälber dabei sind. Eine Mutterkuh mit Kalb ist ein anderes Tier als eine Milchkuh auf der Weide. Der Schutzinstinkt ist stark und setzt schon bei größerer Entfernung ein.

Ob ein Hund dabei ist. Der mit Abstand wichtigste Faktor. Für ein Rind sieht ein Hund aus wie ein Wolf — also wie das, wogegen der Schutzinstinkt entwickelt wurde. Ein angeleinter Hund neben einem Menschen kann eine ganze Herde in Bewegung setzen.

Wie du dich bewegst. Schnelle, direkte, laute Bewegungen wirken bedrohlich. Ruhiges, seitliches Vorbeigehen wirkt es nicht.

Die zehn Regeln

Sie sind schnell gelesen und decken fast alles ab.

  1. Abstand halten — 20 bis 50 Meter, wo es möglich ist.
  2. Nicht rennen. Auch nicht, wenn dir mulmig wird. Ruhig weitergehen.
  3. Nicht streicheln, nicht füttern. Auch keine Kälber. Vor allem keine Kälber.
  4. Kälbern nicht zwischen Mutter und Kind kommen. Die häufigste Ursache für Zwischenfälle überhaupt.
  5. Ruhig bleiben und leise sprechen. Tiere lesen Erregung erstaunlich gut.
  6. Nicht starren. Direkter, langer Blickkontakt gilt bei vielen Tieren als Drohung. Kurz hinschauen, um die Lage einzuschätzen, dann weitergehen.
  7. Auf den Wegen bleiben. Sie sind erlaubt und die Tiere kennen sie.
  8. Gatter schließen — immer, auch wenn sie offen standen. Ein offenes Gatter kann eine Herde auf eine Straße führen.
  9. Hunde kurz anleinen. Kurz, nicht an der Schleppleine.
  10. Weiträumig umgehen, wenn die Herde direkt auf dem Weg steht.
Kühe stehen auf einer Almwiese neben einem Wanderweg, im Hintergrund Berge
20 bis 50 Meter Abstand, ruhig vorbeigehen, nicht starren — dann passiert in aller Regel nichts.

Wenn die Herde auf dem Weg steht

Der häufigste Fall, und der, in dem die meisten falsch entscheiden.

Erst stehen bleiben und schauen. Sind Kälber dabei? Wie reagieren die Tiere auf dich — heben sie den Kopf, drehen sie sich zu dir? Ein Tier, das weiterfrisst, hat dich zur Kenntnis genommen und für unwichtig befunden.

Dann den Bogen planen. Möglichst hangaufwärts vorbeigehen, nicht unterhalb — Rinder bewegen sich lieber bergab, und du willst nicht in dieser Richtung stehen. Nicht durch die Herde hindurch, sondern außen herum.

Ruhig gehen, ohne stehen zu bleiben. Ein gleichmäßiges Vorbeigehen ist berechenbar. Anhalten, umkehren, wieder anfangen wirkt unschlüssig.

Wenn ein Tier näher kommt: stehen bleiben, dem Tier zugewandt bleiben, ruhig und bestimmt sprechen. Nicht wegdrehen und nicht rennen — Wegrennen löst bei Fluchttieren den Nachlauf aus.

Wenn es ernst wird — ein Tier senkt den Kopf, scharrt, kommt zügig näher: den Weg freimachen, zügig zur Seite gehen, wenn möglich ein Hindernis zwischen dich und das Tier bringen (Zaun, Fels, Baum). Und den Rucksack oder die Stöcke als Abstandhalter nutzen, nicht als Waffe.

Und im Zweifel: umkehren. Eine Alm, die man nicht queren kann, ist ein Grund, die Tour zu ändern. Kein Gipfel ist eine Auseinandersetzung mit 600 Kilo wert.

Der Sonderfall Hund

Wer mit Hund unterwegs ist, spielt ein anderes Spiel — und trägt eine andere Verantwortung.

Kurz anleinen. Nicht Schleppleine, nicht Flexileine. Kurz, sodass der Hund direkt bei dir ist und du ihn kontrollieren kannst.

Weiträumig umgehen. Deutlich weiträumiger als ohne Hund.

Und der wichtigste Punkt, der vielen das Leben rettet: Wenn eine Herde tatsächlich angreift, lass den Hund los. Das klingt falsch und ist richtig. Ein freier Hund kann davonlaufen und wird die Rinder von dir weg führen. Ein angeleinter Hund bindet dich an das Ziel des Angriffs.

Das ist eine Entscheidung, die man vorher getroffen haben muss — im Moment selbst denkt man nicht daran, die Leine loszulassen.

Herdenschutzhunde

Seit der Rückkehr großer Beutegreifer in die Alpen werden zunehmend Herdenschutzhunde eingesetzt — meist bei Schafen, teils bei Rindern. Sie sind etwas grundlegend anderes als ein Hofhund.

Was sie sind: groß, selbstständig arbeitend, ohne Herrchen in der Nähe. Sie leben in der Herde und entscheiden allein, ob etwas eine Bedrohung ist. Sie sind nicht bösartig — sie tun genau das, wofür sie gezüchtet wurden.

Wie sie reagieren: Ein Herdenschutzhund stellt sich zwischen dich und die Herde, bellt und kommt möglicherweise näher, um dich einzuschätzen. Das ist Kommunikation, kein Angriff.

Was du tust:

  • Stehen bleiben. Nicht weitergehen, während er dich prüft.
  • Ruhig bleiben, nicht schreien, nicht mit Stöcken fuchteln.
  • Ihm Zeit geben. Meistens beruhigt er sich innerhalb von Sekunden bis Minuten, wenn du nichts Bedrohliches tust.
  • Dann langsam und weiträumig um die Herde herumgehen, dem Hund zugewandt, ohne ihm den Rücken zuzudrehen.
  • Niemals durch die Herde hindurch.
  • Mit eigenem Hund: kurz anleinen und besonders weit ausweichen. Für einen Herdenschutzhund ist ein fremder Hund die deutlichste Bedrohung, die es gibt.

Wo Herdenschutzhunde eingesetzt werden, stehen in der Regel Hinweisschilder an den Zustiegen. Es lohnt sich, sie zu lesen, statt daran vorbeizugehen.

Schafherde auf einer Alm, ein großer weißer Herdenschutzhund steht aufmerksam am Rand
Ein Herdenschutzhund entscheidet allein. Stehen bleiben, ruhig bleiben, ihm Zeit geben — dann weiträumig umgehen.

Die Planung davor

Vieles lässt sich vermeiden, bevor man losgeht:

Schilder ernst nehmen. Hinweise auf Mutterkuhhaltung oder Herdenschutzhunde stehen nicht zur Dekoration da.

Almsaison beachten. Der Almauftrieb liegt meist im Juni, der Abtrieb im September. Dazwischen ist Vieh auf den Weiden — und im Frühsommer sind die Kälber jung, also die Muttertiere besonders empfindlich.

Mit Hund: Route prüfen. Wenn eine Tour durch mehrere Weiden führt, ist sie mit Hund vielleicht die falsche Wahl. Mehr dazu im Beitrag über Bergtouren mit Hund.

Ausweichen einplanen. Zu wissen, wo man umkehren oder ausweichen kann, macht die Entscheidung leichter.

Wenn doch etwas passiert

Verletzungen durch Weidevieh sind selten, aber wenn, dann meist ernst — Rippenbrüche, Prellungen, innere Verletzungen durch Stöße oder Tritte.

Was zu tun ist:

  1. Aus der Gefahrenzone bringen, so weit es geht. Über einen Zaun, hinter einen Fels.
  2. Notruf 112. Bei Stößen gegen Brustkorb oder Bauch immer, auch wenn die Person zunächst ansprechbar wirkt — innere Verletzungen zeigen sich verzögert.
  3. Nicht allein lassen, warm halten, beobachten.
  4. Den Almbewirtschafter informieren, wenn möglich. Er muss wissen, dass es einen Zwischenfall gab.

Und der Punkt, den man beim Alleingehen bedenken sollte: Eine Almweide ist oft weit weg vom nächsten Weg mit Verkehr. Wer dort verletzt liegt, wird nicht zwangsläufig schnell gefunden.

Genau dafür ist Alpen Buddy gebaut. Du legst beim Start deiner Tour eine Endzeit fest. Verstreicht sie, ruft dich ein Sprachassistent an; meldest du dich nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher bestimmt hast — mit deiner geplanten Route und deinem letzten bekannten Standort.

Warum das Vieh überhaupt dort steht

Ein bisschen Verständnis für die andere Seite macht die Begegnung leichter.

Almwirtschaft ist kein Folklore-Programm für Wandernde, sondern Landwirtschaft. Die Tiere verbringen den Sommer auf Flächen, die sonst verbuschen würden — und genau diese offenen Almflächen sind es, wegen deren Anblick die meisten überhaupt dort hinaufgehen. Ohne Beweidung wäre ein großer Teil der Alpenlandschaft in wenigen Jahrzehnten Wald.

Für die Bewirtschafter bedeutet jeder Zwischenfall Ärger, Papierkram und im schlimmsten Fall Haftungsfragen. Deshalb reagieren manche gereizt auf Wandernde, die Gatter offen lassen oder Hunde frei laufen lassen — das ist keine Unfreundlichkeit, sondern Erfahrung.

Drei Dinge, die aus Sicht der Bewirtschafter zählen:

Gatter schließen. Ein offenes Gatter kann eine Herde auf eine Straße führen. Das ist die häufigste Beschwerde überhaupt.

Hunde anleinen. Der zweithäufigste Punkt — und der, aus dem die meisten ernsten Zwischenfälle entstehen.

Nicht über Zäune steigen. Elektrozäune sind unter Spannung, und der Weg führt woanders lang.

Wer sich daran hält, wird auf der Alm freundlich empfangen. Und ein kurzer Gruß beim Vorbeigehen an der Hütte kostet nichts.

Der Jahreslauf

Wann Vieh auf den Weiden steht, ist gut vorhersehbar:

Mai bis Juni: Almauftrieb. Die Tiere kommen auf die Weiden, die Kälber sind jung. Das ist die empfindlichste Zeit — Muttertiere reagieren jetzt am stärksten.

Juli bis August: Hauptsaison. Die Tiere sind an Menschen gewöhnt, die Kälber älter. Statistisch die entspannteste Phase, aber auch die mit den meisten Begegnungen.

September: Abtrieb. Die Herden werden zusammengetrieben, teils über die Wanderwege. Wer in einen Almabtrieb gerät, geht am besten gar nicht weiter, sondern wartet abseits, bis alles vorbei ist.

Oktober bis April: Die Weiden sind leer. Zäune können trotzdem stehen — und Gatter gehören trotzdem geschlossen.

Häufige Fragen

Darf ich überhaupt über eine Weide gehen? Auf markierten Wegen ja. Weidegatter darf man öffnen und muss sie wieder schließen. Was nicht geht: querfeldein durch eine Weide, an Zäunen vorbei oder durch eine Herde hindurch.

Was, wenn eine Kuh mich verfolgt? Ruhig weitergehen, nicht rennen. Meist folgt sie aus Neugier ein Stück und bleibt dann stehen. Wenn sie zügig näher kommt: stehen bleiben, zuwenden, laut und bestimmt sprechen, Rucksack als Abstandhalter vor den Körper.

Sind Stiere gefährlicher? Auf Almen stehen selten Stiere frei. Wo doch, ist das ausgeschildert — und dann gilt: nicht queren, umgehen.

Was mache ich mit Kindern? In die Mitte nehmen, an der Hand halten, vorher erklären, dass man nicht rennt und nicht schreit. Kinder wirken auf Rinder durch schnelle Bewegungen und hohe Stimmen unberechenbar.

Und wenn der Weg durch die Herde führt und es keine Alternative gibt? Dann warten. Herden bewegen sich. Zwanzig Minuten Pause sind billiger als jede Auseinandersetzung.

Kurz gefasst

  • 20 bis 50 Meter Abstand, ruhig gehen, nicht rennen, nicht starren, nicht füttern.
  • Niemals zwischen Mutterkuh und Kalb geraten.
  • Gatter schließen, auf dem Weg bleiben, Herden weiträumig hangaufwärts umgehen.
  • Hunde kurz anleinen — und bei einem Angriff die Leine loslassen.
  • Herdenschutzhunde: stehen bleiben, ruhig bleiben, Zeit geben, dann weiträumig umgehen.
  • Nach einem Stoß gegen Brustkorb oder Bauch: immer die 112, auch bei scheinbar leichtem Verlauf.
  • Im Zweifel umkehren. Kein Gipfel ist das wert.