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Erste Hilfe am Berg: die sechs Fälle, die wirklich vorkommen

Erste Hilfe am Berg: die sechs Fälle, die wirklich vorkommen

Erste-Hilfe-Kurse sind auf den Straßenverkehr ausgelegt. Das ist sinnvoll — nur passiert am Berg meistens etwas anderes. Niemand muss dort eine eingeklemmte Person aus einem Auto befreien. Dafür sitzt jemand mit einer Blase im dritten Kilometer, jemand knickt auf Geröll um, und jemandem wird bei 30 Grad am Südhang schwindlig.

Dieser Beitrag beschränkt sich bewusst auf die sechs Fälle, die tatsächlich vorkommen. Er ersetzt keinen Kurs — einen aufzufrischen ist alle paar Jahre eine gute Idee. Aber er deckt ab, was du an einem gewöhnlichen Wandertag wahrscheinlich brauchst.

Vorweg: die eine Frage, die immer zuerst kommt

Bevor du irgendetwas versorgst, beantworte diese Frage: Kann die betroffene Person aus eigener Kraft ins Tal — sicher und bei Tageslicht?

Davon hängt alles Weitere ab. Lautet die Antwort ja, versorgst du und geht ab. Lautet sie nein oder „vielleicht knapp", rufst du Hilfe — und versorgst währenddessen. Nicht andersherum. Der häufigste Fehler in dieser Lage ist, erst eine Stunde lang zu improvisieren und dann festzustellen, dass es doch nicht geht. Warum dieses Zögern alles verschlimmert, steht in unserem Beitrag über Erschöpfung und Blockierung.

Und noch etwas: Schütze zuerst dich selbst. Wer auf einem Geröllfeld zum Verletzten hinunterrutscht und dabei selbst stürzt, hat aus einem Notfall zwei gemacht.

1. Die Blase

Der mit Abstand häufigste Fall — und der, bei dem am meisten falsch gemacht wird.

Die wichtigste Regel: Blasen nicht aufstechen. Geschlossen heilen sie besser, und die intakte Haut darüber ist der beste Schutz gegen eine Infektion. Wer eine Blase öffnet, macht aus einer Druckstelle eine offene Wunde — mitten in einem verschwitzten Schuh.

Richtig ist:

  1. Früh reagieren. Sobald es an einer Stelle „warm" wird oder reibt: Schuh aus, nachsehen. Die Stelle ist gerötet, aber noch keine Blase — das ist der ideale Moment.
  2. Blasenpflaster über die gerötete Stelle oder die geschlossene Blase. Auf trockene Haut kleben, sonst hält es nicht.
  3. Ursache beseitigen. Falte in der Socke, Steinchen im Schuh, zu locker geschnürt. Ohne das kommt die Blase eine halbe Stunde später an derselben Stelle wieder.
  4. Ist die Blase bereits geplatzt: steril abdecken, sauber halten, nach der Tour weiter versorgen.

Die zehn Minuten, die eine frühe Blasenversorgung kostet, sparen dir oft mehrere Stunden Humpeln — und ein humpelnder Mensch stolpert häufiger, womit wir beim nächsten Fall wären.

Rucksackapotheke von oben auf einem Felsen ausgebreitet: Verbandpäckchen, Blasenpflaster, Schere, Pinzette, Rettungsdecke
Mehr braucht es nicht: Verbandmaterial, Blasenpflaster, Schere, Pinzette, Rettungsdecke.

2. Der verstauchte oder gebrochene Knöchel

Stolpern und Ausrutschen sind die häufigste Unfallursache beim Wandern, und der Knöchel ist die häufigste Folge.

Verstauchung und Bruch lassen sich am Berg oft nicht sicher unterscheiden. Das ist auch nicht nötig — das Vorgehen ist am Anfang dasselbe:

  • Schuh anlassen. Der wichtigste Punkt und der unintuitivste. Der Bergschuh schient und stützt den Knöchel. Ziehst du ihn aus, schwillt der Fuß binnen Minuten so an, dass er nicht mehr hineinpasst — und barfuß kommt niemand ins Tal.
  • Kühlen, wenn möglich. Kältekompresse oder ein Beutel Schnee, nie direkt auf die Haut.
  • Hochlagern während der Pause.
  • Elastische Binde über den Schuh, wenn Halt fehlt.
  • Trekkingstöcke als Entlastung. Wer keine hat: ein Ast, oder die Stöcke von jemand anderem in der Gruppe.

Und dann die Entscheidung. Ein paar Schritte ausprobieren — auf ebenem Grund, langsam. Geht es unter Schmerzen, aber sicher? Dann langsam absteigen, mit viel Zeitpuffer. Knickt der Fuß weg, oder ist die Belastung unmöglich? Dann Hilfe rufen. Ein steiler Abstieg auf einem instabilen Knöchel führt zum nächsten, schlimmeren Sturz.

3. Unterkühlung

Der am meisten unterschätzte Fall — vor allem, weil fast alle ihn für ein Winterthema halten.

Von Unterkühlung spricht man, wenn die Körperkerntemperatur unter 35 Grad fällt. Das passiert im Sommer schneller, als man denkt: nasse Kleidung nach einem Gewitter, dazu Wind auf einem Grat, dazu die Bewegungslosigkeit einer Pause oder einer Wartesituation. Wer erschöpft ist, kühlt zusätzlich schneller aus, weil der Körper weniger Wärme produziert.

Woran du es erkennst — in dieser Reihenfolge:

  • Zittern, kalte blasse Haut, „Gänsehaut"
  • Ungeschicklichkeit: der Reißverschluss klappt nicht mehr, die Finger gehorchen nicht
  • Undeutliche Sprache, Verlangsamung
  • Teilnahmslosigkeit, Verwirrtheit — und dann hört das Zittern auf

Der letzte Punkt ist der gefährlichste, weil er nach Besserung aussieht. Wenn jemand aufhört zu zittern und gleichzeitig ruhiger und teilnahmsloser wird, ist das ein Notfall. Dann sofort die 112.

Was zu tun ist:

  1. Vor Wind und Nässe schützen. Windschatten, Rettungsdecke, notfalls unter einem Felsvorsprung.
  2. Nasse Kleidung ersetzen, wenn trockene da ist. Sonst wenigstens eine Schicht darüber.
  3. Vom Boden isolieren. Rucksack, Seil, zusammengelegte Jacke — der kalte Boden zieht mehr Wärme als die Luft.
  4. Warmes Süßes trinken, wenn die Person klar bei Bewusstsein ist. Kein Alkohol — er weitet die Gefäße und beschleunigt die Auskühlung.
  5. Vorsichtig bewegen. Bei stark Unterkühlten kann ruckartige Bewegung den Kreislauf destabilisieren.
  6. Nicht kräftig abreiben. Das kaltes Blut aus der Peripherie in die Körpermitte treibt, ist gefährlicher als hilfreich.
Person in eine goldene Rettungsdecke gewickelt sitzt an einen Felsen gelehnt, Nebel im Hintergrund
Die Rettungsdecke wiegt 40 Gramm und ist das wirksamste Teil der ganzen Apotheke.

4. Sonnenstich und Hitzeerschöpfung

Die Gegenrichtung — und am Berg besonders relevant, weil die Sonneneinstrahlung mit der Höhe zunimmt und der Wind das Gefühl dafür verfälscht. Es fühlt sich angenehm an, während der Kopf längst zu viel abbekommt.

Der Sonnenstich ist eine Reizung der Hirnhäute durch direkte Sonne auf Kopf und Nacken. Typisch sind ein hochroter, heißer Kopf, Kopfschmerzen, Schwindel, ein unangenehmes Ziehen im Nacken, Übelkeit — bis hin zu Erbrechen und Bewusstlosigkeit. Charakteristisch: Der Kopf ist heiß, die restliche Haut nicht.

Was hilft, ist unspektakulär: Schatten, Ruhe, Kühlung — und zwar im Nacken, nicht durch einen Schwall Wasser über den Kopf. Ein feuchtes Tuch oder eine Kältekompresse in den Nacken, Oberkörper leicht erhöht lagern, trinken lassen. Bei Erbrechen oder Bewusstseinsstörung: Notruf.

Die Hitzeerschöpfung ist etwas anderes — hier fehlen Flüssigkeit und Salz. Die Haut ist blass und schweißnass, der Puls schnell, der Betroffene schwach und schwindlig. Behandlung: flach hinlegen, Beine hoch, Schatten, in kleinen Schlucken trinken.

Vorbeugen ist hier besonders wirksam: Kopfbedeckung, früh starten (die Mittagshitze am Südhang meiden), regelmäßig trinken statt viel auf einmal.

5. Der Kreislauf- und Herznotfall

Der Fall, über den am wenigsten gesprochen wird — obwohl Herz-Kreislauf-Notfälle die häufigste Todesursache beim Wandern sind. Häufiger als der Absturz.

Das passt nicht zum Bild vom Bergsport, ist aber logisch: Wandern ist eine ausdauernde Belastung, oft bei Hitze, oft ungewohnt, oft von Menschen ausgeübt, die im Alltag deutlich weniger machen. Ein regelmäßiger Gesundheitscheck wird ab etwa 45 empfohlen.

Warnzeichen ernst nehmen:

  • Druck, Enge oder Brennen in der Brust, unter Belastung zunehmend
  • Ausstrahlende Schmerzen in Arm, Kiefer, Rücken oder Oberbauch
  • Atemnot, die nicht zur Anstrengung passt
  • Kalter Schweiß, Übelkeit, plötzliche Blässe
  • Ungewöhnliche Erschöpfung, die sich in der Pause nicht bessert

Was zu tun ist: sofort die Belastung beenden. Hinsetzen, Oberkörper erhöht. Notruf 112 — bei Verdacht auf Herzinfarkt lieber einmal zu viel als zu wenig. Beengende Kleidung öffnen, ruhig bleiben, die Person nicht allein lassen. Bei Bewusstlosigkeit mit fehlender normaler Atmung: Herzdruckmassage, 100 bis 120 Mal pro Minute, bis Hilfe kommt.

Das ist der Fall, in dem eine Rettung wirklich um Minuten geht — und der Grund, warum am Berg jemand wissen sollte, wo du bist.

6. Stärkere Blutungen

Seltener, aber wenn, dann eilig. Am Berg meist Platzwunden am Kopf nach einem Sturz oder Schnittverletzungen an scharfem Fels.

Direkter Druck ist das Wichtigste — mit einer sterilen Kompresse oder, wenn nichts da ist, mit dem sauberen Stoff, den du gerade findest. Draufdrücken und draufdrückend halten, nicht alle zehn Sekunden nachschauen. Danach ein Druckverband. Betroffene Gliedmaße hochhalten. Bei starkem Blutverlust: flach lagern, Beine hoch, warm halten, Notruf.

Kopfplatzwunden bluten spektakulär und sehen dramatischer aus, als sie sind. Wichtiger als die Blutung ist die Frage, ob der Sturz eine Gehirnerschütterung verursacht hat: Erinnerungslücke, Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen. Wer nach einem Sturz auf den Kopf benommen ist, steigt nicht selbstständig ab.

Die Rucksackapotheke

Der Ausrüstungsteil, den alle mitschleppen und kaum jemand jemals durchsieht. Zwei Regeln: klein halten und vor jeder Saison einmal öffnen — Pflaster werden alt, Gel trocknet ein, Verfallsdaten laufen ab.

Grundausstattung für die Tagestour:

Was Wofür
Verbandpäckchen, nicht haftende Kompressen Wunden, Druckverband
Blasenpflaster, verschiedene Größen der häufigste Fall überhaupt
Elastische Binde Knöchel stützen, Verband fixieren
Verbandschere und Pinzette Splitter, Zecken, Kleidung öffnen
Rettungsdecke Unterkühlung, Wetterschutz, Sichtsignal
Kälte-Sofortkompresse Prellung, Verstauchung, Sonnenstich
Desinfektionsmittel Wundreinigung
Einmalhandschuhe Eigenschutz
Schmerzmittel eigene, verträgliche
Persönliche Medikamente Allergie, Asthma, Herz — griffbereit, nicht ganz unten

Auf Mehrtagestouren gehören Rettungsdecke und Kältekompresse doppelt hinein — sie sind Einwegartikel, und auf einer Hüttenrunde ist der nächste Laden weit.

Zwei Dinge, die keine Apotheke sind, aber im selben Zusammenhang zählen: Stirnlampe und Powerbank. Beides entscheidet mit darüber, ob aus einer Versorgung eine Rettung wird.

Was du deiner Gruppe sagen solltest

Ein Punkt, der in keiner Packliste steht: Wissen, das nur einer hat, hilft nicht.

Sag den Leuten, mit denen du unterwegs bist, wo deine Apotheke im Rucksack steckt — und frag umgekehrt nach. Wer regelmäßig Medikamente braucht (Asthmaspray, Notfallmedikament bei Allergie, Herzmedikamente), sollte das den anderen sagen, bevor es akut wird. Im Ernstfall ist das die Information, die zählt, und der Betroffene ist dann möglicherweise derjenige, der sie nicht mehr geben kann.

Wenn du der Betroffene bist

Der ganze Beitrag ist bis hierher aus der Sicht des Helfenden geschrieben. Es gibt aber eine Lage, in der niemand hilft: wenn du allein unterwegs bist und selbst betroffen.

Ein Kreislaufkollaps, ein Sturz mit Kopfverletzung, eine fortschreitende Unterkühlung — allen dreien ist gemeinsam, dass sie dich handlungsunfähig machen können. Erste Hilfe kannst du dann nicht mehr selbst leisten, und den Notruf nicht mehr wählen.

Dagegen hilft keine Ausrüstung, sondern nur, dass jemand merkt, dass du überfällig bist. Genau dafür ist Alpen Buddy gebaut: Du legst beim Start deiner Tour eine Endzeit fest. Kommst du nicht zurück, ruft dich ein Sprachassistent an. Reagierst du nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher bestimmt hast — mit deiner Route und deinem letzten bekannten Standort.

Die Rucksackapotheke deckt den Fall ab, in dem du noch handeln kannst. Die Endzeit deckt den anderen ab.

Kurz gefasst

  • Zuerst die Frage: Kommt die Person sicher und bei Tageslicht ins Tal? Danach richtet sich alles.
  • Blasen nicht aufstechen, früh abkleben, Ursache beseitigen.
  • Beim Knöchel den Schuh anlassen — er schient.
  • Unterkühlung droht auch im Sommer. Hört das Zittern auf, ist es ein Notfall.
  • Beim Sonnenstich im Nacken kühlen, nicht den Kopf übergießen.
  • Herz-Kreislauf ist die häufigste Todesursache beim Wandern — Warnzeichen ernst nehmen, sofort 112.
  • Bei Blutungen direkt draufdrücken und halten.
  • Apotheke vor der Saison einmal durchsehen, Rettungsdecke doppelt auf Mehrtagestouren.

Dieser Beitrag ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs. Die Alpenvereine und Bergrettungen bieten Kurse speziell für den alpinen Notfall an — die zwei Tage sind gut investiert.