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Erste Hilfe an dir selbst

Erste Hilfe an dir selbst

Teil 4 von 10 der Reihe Allein am Berg

In jedem Erste-Hilfe-Kurs kniet man neben einer Puppe oder einem Übungspartner. Man hat beide Hände frei, freie Sicht auf die Verletzung, und man ist selbst ruhig, weil es einen ja nicht betrifft.

Allein am Berg stimmt keine dieser drei Voraussetzungen. Du versorgst mit möglicherweise einer brauchbaren Hand, siehst die Stelle schlecht oder gar nicht, und dein Puls ist oben.

Das ist kein Grund, es nicht zu üben — im Gegenteil. Es ist der Grund, es anders zu üben.

Dieser Beitrag ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs. Er ergänzt ihn um den Teil, den Kurse nicht abdecken.

Der erste Schritt ist keine Wunde

Nach einem Sturz will man sofort nachsehen, was kaputt ist. Das ist der falsche Reflex. Die Reihenfolge, die zählt:

1. Liegen bleiben und durchatmen. Zehn, zwanzig Sekunden. Aufstehen mit einem gebrochenen Knöchel verschlimmert die Verletzung, und im ersten Schreck spürt man sie nicht.

2. Prüfen, ob du dort sicher liegst. Steinschlagrinne? Abschüssiges Gelände? Erst wenn die Antwort gut ist, kümmerst du dich um dich.

3. Von oben nach unten durchgehen. Kopf, Nacken, Arme, Rumpf, Beine. Bewusst, nicht nur dort, wo es weh tut — Schmerz an einer Stelle überdeckt Verletzungen an anderen.

4. Warm werden. Der wichtigste und am häufigsten übersehene Punkt. Sobald du liegst statt gehst, kühlst du aus, und Auskühlung verschlechtert alles Weitere: Feinmotorik, Urteilsvermögen, Blutgerinnung. Isolationsjacke an, Rettungsdecke drum, etwas zwischen dich und den Boden.

5. Erst dann versorgen.

Der Grund für diese Reihenfolge: Bei Alleingehenden ist nicht die Verletzung das häufigste Problem, sondern was in den Stunden danach passiert. Ausführlich im Beitrag Die ungeplante Nacht am Berg.

Rettungsdecke und Erste-Hilfe-Set liegen aufgeklappt auf einem Fels neben einem Rucksack
Warm werden kommt vor Versorgen — Auskühlung verschlechtert alles Weitere.

Was einhändig funktioniert — und wie

Der praktische Kern. Alles hier lässt sich mit einer Hand und den Zähnen bewältigen, wenn man es einmal geübt hat.

Ein Druckverband am Arm. Wundauflage auf die Stelle, Binde mit der freien Hand aufrollen, das Ende zwischen die Zähne, die Bindenrolle einmal um den Arm führen und über sich selbst festklemmen. Der Trick: nicht versuchen zu knoten — die Binde über sich selbst klemmen und mit Klebeband sichern.

Klebeband ist wichtiger als Pflaster. Ein paar Meter breites Textilklebeband, um einen Stock oder eine Flasche gewickelt, ersetzen einhändig fast jede Verbandtechnik. Knoten sind das, was allein am schlechtesten funktioniert.

Selbsthaftende Binden. Sie kleben an sich selbst, ohne Knoten und ohne Klammern — für Selbstversorgung deutlich besser als klassische Mullbinden.

Ein Sprunggelenk stabilisieren. Schuh anlassen. Der Schuh ist die beste Schiene, die du hast; ist er einmal aus, kommt der geschwollene Fuß nicht wieder hinein. Nur die Schnürung anpassen: unten fester, oben lockerer. Wer tapen will, tut es über den Schuh oder über die Socke.

Eine Wunde ausspülen. Mit Trinkwasser, großzügig. Desinfektionsmittel ist nett, sauberes Spülen ist wichtiger.

Eine Schiene bauen. Trekkingstock, Sitzunterlage oder eine zusammengerollte Karte, mit Klebeband fixiert.

Was einhändig nicht geht: Verletzungen am Rücken oder am Hinterkopf versorgen, sich selbst eine Armschlinge sauber anlegen (behelfsmäßig geht die Jacke: Arm hineinstecken, Reißverschluss halb zu), und alles, was zwei kräftige Hände braucht.

Der Selbst-Test, bevor du weitergehst

Bevor du dich aufrichtest und losgehst, drei Fragen — ehrlich beantwortet:

Kann ich das Bein voll belasten? Nicht „mit Zusammenbeißen", sondern kontrolliert. Ein Sprunggelenk, das unter Last wegknickt, bringt dich auf dem Abstieg erneut zu Fall — und der zweite Sturz ist der schlimmere.

Ist die Blutung gestoppt? Ein Verband, der nach zehn Minuten durchtränkt ist, ist keine Versorgung.

Ist mein Kopf klar? Kopfverletzung, Benommenheit, Übelkeit, Erinnerungslücke für den Sturz — bei all dem gehst du nicht allein weiter, egal wie gut die Beine sind.

Und die vierte, die keiner gern stellt: Wenn ich losgehe und es nach 20 Minuten schlechter wird — bin ich dann besser oder schlechter dran als hier? Manchmal ist die Antwort: schlechter. Dann bleibt man, wo man ist.

Wann du aufhörst, dich selbst zu versorgen

Klare Kriterien, damit die Entscheidung nicht im Schmerz gefällt werden muss:

  • Verdacht auf Bruch an Bein, Becken, Wirbelsäule
  • Blutung, die sich nicht stoppen lässt
  • Kopfverletzung mit Benommenheit, Übelkeit oder Erinnerungslücke
  • Gefühlsstörungen oder Lähmungen
  • Zunehmende Schmerzen trotz Versorgung
  • Auskühlung, die du nicht mehr aufhalten kannst
  • Du kommst nicht vom Fleck — unabhängig davon, wie harmlos die Verletzung aussieht

Bei all dem gilt: Notruf, dann warm einpacken, dann warten. Nicht umgekehrt und nicht „erst noch ein Stück probieren". Wie der Notruf abläuft und was du sagen musst, steht im Beitrag Notruf am Berg; was danach passiert, im Beitrag Was nach dem Notruf passiert.

Wanderin sitzt am Wegrand, das Bein hochgelegt, Rucksack als Unterlage
Vor dem Weitergehen drei ehrliche Fragen — die zweite Verletzung ist die schlimmere.

Der Fall, für den keine Selbsthilfe reicht

Alles bisher Beschriebene setzt voraus, dass du bei Bewusstsein bist und handeln kannst. Genau diese Voraussetzung fehlt in den Fällen, die beim Alleingehen den Ausschlag geben: bei einer Kopfverletzung, bei einem Kreislaufereignis, bei fortgeschrittener Unterkühlung. Dann nützt das beste Erste-Hilfe-Set nichts, und auch das geladene Handy nützt nichts, weil niemand es bedient.

Für diesen Fall gibt es genau eine Vorsorge: dass jemand von selbst merkt, dass etwas nicht stimmt.

Das ist die Aufgabe der Endzeit bei Alpen Buddy. Sie läuft ab, ohne dass du etwas tust. Reagierst du auf den Anruf nicht, werden deine hinterlegten Kontakte benachrichtigt — mit Tour, geplanter Route und letztem bekanntem Stand. Aus einer Suche, die irgendwo im Gebirge beginnen müsste, wird damit eine Rettung mit Adresse.

Zwei praktische Ergänzungen dazu:

Der Notfallpass im Handy ist vom Sperrbildschirm einsehbar, ohne Entsperren. Blutgruppe, Allergien, Medikamente, Vorerkrankungen, Kontaktperson. Drei Minuten Aufwand, und die einzige Möglichkeit, wie Ersthelfer an deine Daten kommen, während du nicht ansprechbar bist.

Derselbe Zettel auf Papier ins Deckelfach. Für den Fall, dass das Handy den Sturz nicht überstanden hat.

Was ins Set gehört, wenn du allein gehst

Über ein Standard-Set hinaus:

Was Wofür
Textilklebeband, um den Stock gewickelt Ersetzt einhändig fast jede Knotentechnik
Selbsthaftende Binde, 6 cm Hält ohne Knoten und ohne Klammern
Zwei Wundauflagen, groß Für Verletzungen, die ein Pflaster nicht deckt
Elastische Binde Sprunggelenk, Knie
Rettungsdecke Steht auf jeder Liste und fehlt trotzdem oft
Schmerzmittel, das du verträgst Für den Abstieg aus eigener Kraft
Einmalhandschuhe Auch bei Selbstversorgung sinnvoll
Zeckenzange Siehe Zecken und FSME

Und der Punkt, der mehr wert ist als jeder Gegenstand: Einmal zu Hause ausprobieren. Leg dir mit einer Hand einen Druckverband am anderen Arm an. Es dauert fünf Minuten und du wirst überrascht sein, was dabei alles nicht klappt — genau das willst du vorher wissen und nicht am Berg.

Die häufigsten Fälle in der Praxis

Was Alleingehenden tatsächlich passiert, ist selten spektakulär:

Blasen. Der häufigste Grund, warum eine Tour unangenehm endet. Behandelt wird beim ersten Anzeichen, nicht wenn sie offen ist: Schuh aus, Stelle trocknen, Blasenpflaster oder Tape. Zehn Minuten früh sparen zwei Stunden Humpeln.

Umgeknicktes Sprunggelenk. Schuh anlassen, Schnürung anpassen, mit Stöcken absteigen, danach kühlen. Wenn es unter Last wegknickt: nicht weitergehen.

Schnittwunde an der Hand. Auf Blockwerk häufig. Spülen, Druck drauf, mit selbsthaftender Binde sichern. Die Hand ist danach eingeschränkt — was den Rest des Tages verändert.

Kreislauf und Hitze. In den Schatten, hinsetzen, trinken, Beine hoch. Und die Tour beenden, nicht fortsetzen.

Insektenstich mit bekannter Allergie. Notfallset anwenden, sofort 112, nicht abwarten.

In den ersten drei Fällen kannst du selbst absteigen — und solltest dabei die Endzeit prüfen: Mit verletzter Hand oder gereiztem Knöchel dauert der Abstieg deutlich länger als geplant. Wer sie rechtzeitig verlängert, verhindert einen Fehlalarm; wer merkt, dass es gar nicht mehr reicht, hat den Anlass, doch Hilfe zu rufen.

Häufige Fragen

Soll ich den Schuh ausziehen, um nachzusehen? Bei Verdacht auf Verstauchung oder Bruch: nein. Der Schuh stabilisiert, und ein geschwollener Fuß geht nicht wieder hinein. Nur nachschauen, wenn du ohnehin bleibst und auf Hilfe wartest.

Was, wenn ich mir nicht sicher bin, ob etwas gebrochen ist? Dann behandelst du es wie einen Bruch: nicht belasten, Hilfe rufen. Am Berg ist die vorsichtige Annahme die richtige.

Darf ich mir Schmerzmittel geben, um abzusteigen? In Maßen und mit klarem Kopf: ja, das ist der Zweck. Nicht aber, um über eine Verletzung hinwegzugehen, die dich eigentlich stoppen sollte — Schmerz ist beim Abstieg eine nützliche Rückmeldung.

Wie lange sollte ich warten, bevor ich den Notruf wähle? Nicht warten. Ein früher Anruf lässt sich abbestellen, ein später kostet Tageslicht. Bei den Kriterien oben wählst du sofort.

Wie oft sollte man einen Kurs auffrischen? Alle zwei bis drei Jahre, und wenn möglich einen mit Bergbezug — dort wird geübt, was bei langer Wartezeit und Auskühlung zählt.

Kurz gefasst

  • Reihenfolge nach dem Sturz: liegen bleiben, Umgebung prüfen, durchtasten, warm werden, dann versorgen.
  • Klebeband und selbsthaftende Binden statt Knoten — einhändig funktioniert nur, was klebt.
  • Schuh anlassen bei Verdacht auf Verstauchung oder Bruch.
  • Vor dem Weitergehen: voll belastbar? Blutung gestoppt? Kopf klar?
  • Aufhören und rufen bei Bruchverdacht, Kopfverletzung, Gefühlsstörung, Auskühlung.
  • Notfallpass im Handy und auf Papier.
  • Für den Fall, dass du nicht mehr handeln kannst: eine Endzeit, die ohne dich abläuft.
  • Einmal zu Hause üben — einhändig ist anders, als es sich anhört.