Welche Tour du allein gehen kannst — und welche nicht
Teil 1 von 10 der Reihe Allein am Berg
Es gibt einen verbreiteten Irrtum über das Alleingehen: dass es vor allem eine Frage des Könnens sei. Wer trittsicher ist und die Tour beherrscht, könne sie auch allein gehen.
Das stimmt für den Normalfall — und der Normalfall ist nicht das Problem. Beim Alleingehen entscheidet nicht, ob du die Tour bei gutem Verlauf schaffst, sondern was passiert, wenn etwas dazwischenkommt. Ein umgeknickter Knöchel, ein Wetterumschwung, eine Wegstelle, die anders aussieht als beschrieben.
In der Gruppe federt jemand das ab. Allein federt es die Tourenwahl ab — oder niemand.
Die Frage, die alles andere ersetzt
Bevor du in Kriterien einsteigst, stell dir eine einzige Frage:
Wenn ich hier auf halbem Weg nicht mehr weitergehen kann — was passiert dann?
Nicht „was mache ich dann", sondern was tatsächlich passiert. Wie lange dauert es, bis jemand vorbeikommt? Wie weit ist die nächste Straße? Gibt es Empfang? Und vor allem: Weiß jemand, dass ich hier bin?
Touren, bei denen du auf diese Frage eine ruhige Antwort hast, kannst du allein gehen. Touren, bei denen die Antwort „dann wird es schwierig" lautet, gehst du in Begleitung — oder du veränderst die Tour, bis die Antwort besser wird.
Alles Folgende ist nur eine Zerlegung dieser einen Frage.
1. Begangene Wege statt einsamer
Der einzelne wirksamste Punkt, und der, der am meisten Überwindung kostet — denn viele gehen ja gerade allein, um allein zu sein.
Auf einem begangenen Weg kommt im Zweifel jemand vorbei. Das ersetzt keine Planung, verändert aber die Lage grundlegend: Ein Sturz mit gebrochenem Knöchel auf einem Weg mit stündlichem Verkehr ist eine unangenehme Wartezeit. Derselbe Sturz auf einem Steig, auf dem alle drei Tage jemand geht, ist etwas anderes.
Woran du das vorher erkennst:
- Markierung und Wegzustand in den Tourenportalen — ausgetretene, breite Pfade sind begangen
- Zahl und Datum der Tourenberichte: fünf Berichte aus diesem Monat sagen mehr als eine Beschreibung von 2019
- Hütten auf der Strecke ziehen Verkehr an
- Wochentag und Uhrzeit: derselbe Weg ist sonntags um zehn ein anderer als dienstags um sechs
Die einsame Tour ist nicht verboten. Sie verlangt nur mehr von allen anderen Punkten.
2. Eine Stufe unter deinem Limit
Wenn du in Begleitung T3 sicher gehst, ist deine Solo-Tour eine T2 — nicht, weil du allein schlechter gehst, sondern weil die Fehlertoleranz kleiner ist.
Zwei Gründe, die selten ausgesprochen werden:
Niemand korrigiert dich. In der Gruppe sagt jemand „das sieht heikel aus" oder geht die Stelle vor. Allein triffst du jede Einschätzung selbst, mit deinem Tagesform-abhängigen Urteil.
Du gehst anders, wenn du weißt, dass niemand da ist. Manche werden vorsichtiger — gut. Andere werden angespannter, und Anspannung macht die Bewegung schlechter. Das ist der Grund, warum ausgesetzte Passagen allein subjektiv schwerer sind als in Begleitung.
Was die Stufen bedeuten, steht im Beitrag Schwierigkeitsskalen verstehen.
3. Ausstiege statt einer langen Schleife
Eine Rundtour ist reizvoll und beim Alleingehen die schlechtere Form. Der Grund ist einfach: Ab der Hälfte einer Runde ist der Weg zurück genauso lang wie der Weg vorwärts — du kannst also gar nicht mehr abbrechen, sondern nur noch durchhalten.
Besser sind:
Hin und zurück auf demselben Weg. Unbeliebt, weil man die zweite Hälfte kennt. Dafür kannst du an jedem Punkt umdrehen und weißt genau, was dich erwartet.
Touren mit Ausstiegen. Ein Weg, der alle ein bis zwei Stunden eine Abzweigung ins Tal hat.
Touren mit einer Hütte auf halbem Weg. Ein bewirtschafteter Punkt ist mehr als eine Rast: dort sind Menschen, ein Telefon und jemand, der die Verhältnisse kennt.
Touren mit einer Bergbahn. Ein Abstieg, den man abkürzen kann, entschärft die anstrengendere Hälfte des Tages.
Praktisch: Notiere die Ausstiege vor der Tour, mit Dauer und Ziel. Was man vorher aufgeschrieben hat, nutzt man; was man unterwegs suchen muss, nicht.
4. Untergrund, der Fehler verzeiht
Nicht die Steilheit entscheidet, sondern was ein Fehltritt zur Folge hat.
Gut allein: feste Wege, Waldpfade, breite Bergrücken, Almwege, Gras statt Fels.
Vorsicht: langer Schotter und Blockwerk — die häufigste Sturzursache überhaupt, siehe Schotter und Geröll. Nasse Wurzeln und nasser Fels. Alles, wo ein Umknicken nicht nur unangenehm, sondern folgenreich ist.
Nicht allein: Altschneefelder im Frühsommer (siehe Altschnee im Frühsommer), ausgesetzte Querungen, Klettersteige, Bachquerungen mit Kraft im Wasser.
Der Maßstab dabei: Ein Sturz allein ist nicht doppelt so schlimm wie in der Gruppe, sondern von anderer Art. Nicht die Verletzung ist das Problem, sondern die Bewegungsunfähigkeit an einem Ort, an dem niemand weiß, dass du bist.
5. Verhältnisse, nicht Kalender
Dieselbe Tour ist im Juni eine andere als im September, und nach drei Regentagen eine andere als nach einer Woche Sonne.
Vorher erfragen statt annehmen: Hüttenwirte, Sektionen, aktuelle Tourenberichte aus den letzten Tagen. Eine Beschreibung sagt, wie der Weg gebaut ist; die Verhältnisse sagen, ob er heute geht.
Wetterfenster großzügig wählen. Allein hat man keine zweite Meinung zur Wolkenentwicklung und niemanden, der beim Abstieg im Regen den Rhythmus hält. Wie man die Lage einschätzt, steht im Beitrag Bergwetter richtig lesen.
Bei Gewitterlage keine Grate. Das gilt immer und allein besonders, weil ein überstürzter Abstieg allein deutlich fehleranfälliger ist.
6. Und die Tour, die du kennst
Für die ersten Alleingänge, nach einer Pause oder wenn du dir unsicher bist: eine Tour, die du schon gegangen bist.
Das klingt nach Verzicht und ist ein Werkzeug. Auf bekanntem Gelände fällt ein erheblicher Teil der Unsicherheit weg — du weißt, wo die Schlüsselstellen sind, wie lange es wirklich dauert und wie sich der Abstieg anfühlt. Damit bleibt Aufmerksamkeit übrig für das, worauf es allein ankommt: den eigenen Zustand, die Zeit und das Wetter.
Was du zu Hause lässt — und was nicht
Die beste Tourenwahl nützt wenig, solange niemand weiß, dass du sie gehst. Das ist die Lücke, an der die meisten Alleingänge tatsächlich hängen: nicht am Können, sondern daran, dass ein Zwischenfall stundenlang unbemerkt bleibt.
Genau dafür ist Alpen Buddy gebaut. Du legst beim Start fest, wie lange die Tour höchstens dauern darf. Meldest du dich bis dahin nicht zurück, ruft dich der Dienst an — und alarmiert erst danach die Menschen, die du hinterlegt hast. Kein Check-in-Zwang unterwegs, keine Pflicht, sich alle zwei Stunden zu melden: Es zählt allein die Endzeit.
Für die Tourenwahl heißt das praktisch: Die Endzeit gehört zur Planung, nicht zum Aufbruch. Wer sie zu Hause aus Gehzeit, Pausen und Puffer bestimmt, hat sie realistisch. Wer sie am Parkplatz schätzt, setzt sie zu knapp — und ärgert sich dann über Rückfragen — oder zu weit, und verschenkt genau die Zeit, um die es geht.
Wie man die Menschen dafür auswählt, steht im Beitrag Notfallkontakte richtig wählen.
Drei Beispiele, wie sich eine Tour anpassen lässt
Selten muss man ein Ziel ganz streichen — meistens reicht es, die Tour anders zuzuschneiden.
Aus der Runde wird ein Hin und Zurück. Der Gipfel bleibt derselbe, nur der Rückweg ist bekannt. Du verlierst die neue Aussicht der zweiten Hälfte und gewinnst die Möglichkeit, an jedem Punkt umzudrehen.
Aus der Überschreitung wird eine Auffahrt. Wo eine Bergbahn hilft, verkürzt sich der Abstieg — der Teil des Tages, in dem allein die meisten Stürze passieren. Details im Beitrag Die letzte Bahn.
Aus dem Sonntag wird ein Dienstag. Dieselbe Tour, andere Verhältnisse: mehr Ruhe, weniger Steinschlag von Vorausgehenden, entspannterer Parkplatz. Dafür weniger Menschen, die im Zweifel vorbeikommen — was wiederum die Absicherung wichtiger macht.
Und eine vierte Anpassung, die nichts kostet: die Endzeit an die tatsächliche Tour anpassen. Wer sich für die längere Variante entscheidet, verschiebt sie mit — sonst löst die eigene Planänderung einen Anruf aus. In Alpen Buddy dauert das ein paar Sekunden, und es ist der vorgesehene Weg, kein Notbehelf.
Häufige Fragen
Heißt das, ich darf allein nur langweilige Touren gehen? Nein. Es heißt, dass du dieselbe Tour anders vorbereitest — und dass ein paar Geländearten in Begleitung gehören. Zwischen „langweilig" und „ausgesetzt" liegt der größte Teil der Alpen.
Was, wenn ich gerade die Einsamkeit suche? Dann verschiebe sie auf die Tageszeit statt auf den Ort: Ein bekannter Weg um sechs Uhr morgens ist einsam und trotzdem begangen. Auch die Sonnenaufgangstour funktioniert nach diesem Prinzip.
Wie erkenne ich vorher, ob es Empfang gibt? Verlässlich gar nicht. Deshalb plant man so, dass die Absicherung auch ohne Empfang trägt — dazu mehr in Teil 7 dieser Serie.
Zählt eine Hütte als Ausstieg? Als Zwischenziel und Rückfallebene ja. Als Abstieg nur, wenn von dort ein Weg ins Tal führt, den du auch gehen kannst.
Ich gehe seit Jahren allein und es ist nie etwas passiert. Das ist der häufigste Satz — und er sagt nichts über das Risiko, sondern über die bisherige Stichprobe. Die Vorbereitung kostet zehn Minuten; sie ist genau für den Tag da, der anders läuft.
Kurz gefasst
- Die Leitfrage: Was passiert, wenn ich auf halbem Weg nicht mehr weiterkann?
- Begangene Wege statt einsamer — der wirksamste einzelne Punkt.
- Eine Schwierigkeitsstufe unter dem, was du in Begleitung gehst.
- Ausstiege statt Schleife; hin und zurück ist allein die bessere Form.
- Untergrund, der Fehler verzeiht — kein Altschnee, keine ausgesetzten Querungen.
- Verhältnisse erfragen, nicht aus dem Kalender ableiten.
- Für die ersten Male: eine Tour, die du kennst.
- Endzeit zu Hause festlegen, nicht am Parkplatz.