Zeitplanung allein: warum die üblichen Puffer nicht reichen
Teil 2 von 10 der Reihe Allein am Berg
Es gibt einen Moment auf fast jeder Solo-Tour, in dem sich die Zeitplanung rächt: Man steht auf dem Gipfel, es ist später als gedacht, und die Rechnung für den Abstieg geht nicht mehr auf. In der Gruppe hätte spätestens beim Aufstieg jemand gesagt, dass es knapp wird.
Allein sagt das niemand. Und das ist nicht der einzige Unterschied.
Warum die Zeit allein anders läuft
Du gehst schneller, als dir guttut. Ohne das Tempo der Langsamsten fällt der Bremser weg. Viele merken erst am Nachmittag, dass sie den ganzen Vormittag über ihrem eigenen Rhythmus gegangen sind.
Oder du gehst deutlich langsamer. Ohne Gruppe fehlt der Zug. Fotostopps, längere Pausen, Trödeln an Aussichtspunkten — allein summiert sich das ungebremst.
Niemand rechnet mit. In der Gruppe rechnet fast immer jemand nach. Allein bleibt es bei der Zahl, die du morgens im Kopf hattest.
Pannen kosten die volle Zeit. Wenn in der Gruppe jemand die Karte sucht, gehen die anderen weiter oder helfen. Allein steht die Uhr nicht still, während du dich um dich selbst kümmerst.
Der Nettoeffekt ist bei den meisten Menschen derselbe: Solo-Touren dauern länger als geplant, und die Abweichung fällt spät auf.
Rückwärts rechnen, nicht vorwärts
Die verbreitete Planung geht vorwärts: „Ich starte um acht, brauche vier Stunden hoch, dann bin ich um zwölf oben." Das erzeugt eine Startzeit und keine Sicherheit.
Rückwärts geht so:
1. Wann muss ich unten sein? Nicht „wann wäre es schön" — der harte Termin. Letzte Bergbahn, letzter Bus, Einbruch der Dunkelheit, Gewitterlage. Der früheste dieser Zeitpunkte gilt.
2. Puffer abziehen. Mindestens eine Stunde, allein eher anderthalb.
3. Abstiegszeit abziehen. Die wird regelmäßig unterschätzt — grob zwei Drittel der Aufstiegszeit, bei müden Beinen und schlechtem Untergrund mehr.
4. Gipfelaufenthalt abziehen. Realistisch, nicht zehn Minuten.
Was übrig bleibt, ist deine späteste Gipfelzeit. Und daraus ergibt sich die Startzeit — nicht umgekehrt.
Ein Beispiel: Letzte Talbahn 17:00. Minus 1 Stunde Puffer = 16:00 an der Bergstation. Minus 2:30 Abstieg = 13:30 Gipfel spätestens. Minus 30 Minuten Aufenthalt = 13:00 Ankunft. Bei 4:00 Aufstieg heißt das Start um 9:00 — und wer um 13:00 noch nicht oben ist, dreht um.
Die Grundlagen zur Gehzeitberechnung stehen im Beitrag Tourenplanung.
Die Zuschläge, die allein dazukommen
Auf die berechnete Gehzeit kommen Aufschläge. Diese hier sind beim Alleingehen relevant:
| Umstand | Zuschlag |
|---|---|
| Alleingehen an sich | 10–15 % — keine Gruppe, die zieht, keine geteilte Orientierung |
| Unbekannte Tour | 15–20 % |
| Nasser oder unebener Untergrund | 20–30 % im Abstieg |
| Schlechte Sicht, Nebel | 25 % und mehr |
| Schwerer Rucksack | 10 % je 5 kg über dem Üblichen |
| Nach längerer Pause | 20 % |
Diese Zuschläge addieren sich. Eine unbekannte Tour bei Nässe kann eine 6-Stunden-Rechnung leicht auf 8 Stunden heben — und das ist genau der Fall, in dem die Rechnung im Kopf nicht mehr stimmt.
Die Umkehrzeit gehört aufgeschrieben
Das ist der Punkt, an dem sich Alleingehen am stärksten von der Gruppe unterscheidet.
Eine Umkehrzeit ist eine Vereinbarung mit sich selbst — und Vereinbarungen mit sich selbst verhandelt man nach. In der Gruppe hält jemand dagegen. Allein hörst du dir zu, wie du dir selbst erklärst, warum die zwanzig Minuten Verzug heute nicht so schlimm sind.
Was dagegen hilft:
Schriftlich vor der Tour. Auf dem Etappenzettel, im Handy, wo du es unterwegs siehst. Eine Zahl, die vor dem Losgehen entstanden ist, hat mehr Gewicht als eine, die du unterwegs bildest.
An einen Ort binden, nicht nur an eine Uhrzeit. „Wenn ich um 12:30 nicht an der Scharte bin, drehe ich um" ist wirksamer als eine reine Uhrzeit — du kommst am Ort vorbei und wirst erinnert.
Einen Wecker stellen. Klingt albern, funktioniert. Ein Signal um 12:30 ist schwerer wegzudiskutieren als ein Blick auf die Uhr.
Ausführlich steht das im Beitrag Die Umkehrzeit.
Die Endzeit: der Teil, der ohne dich funktioniert
Alles bisher Beschriebene setzt voraus, dass du unterwegs handlungsfähig bist und deine eigenen Regeln befolgst. Für den Normalfall reicht das. Für den Fall, um den es beim Alleingehen eigentlich geht, nicht.
Genau da setzt Alpen Buddy an: Du hinterlegst beim Start eine Endzeit — den Zeitpunkt, zu dem du spätestens zurück sein willst. Läuft sie ab, ohne dass du die Tour abschließt, ruft dich der Dienst an. Reagierst du auch darauf nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher festgelegt hast.
Der entscheidende Unterschied zu jeder Merkregel: Diese Uhr läuft, ohne dass du etwas tust. Sie fragt nicht nach deiner Tagesform, und sie lässt sich nicht wegdiskutieren. Sie ist der einzige Teil deiner Zeitplanung, der auch dann noch funktioniert, wenn du nicht mehr kannst.
Praktische Hinweise dazu:
Endzeit ≠ geplante Rückkehr. Setz sie auf die geplante Rückkehr plus Puffer — sonst löst jede normale Verzögerung einen Anruf aus, und du gewöhnst dir an, sie zu verlängern. Ein bis zwei Stunden über der Planung sind ein guter Wert.
Aber nicht beliebig weit. Eine Endzeit um Mitternacht für eine Nachmittagstour nimmt dem Ganzen den Sinn. Der Maßstab: Wann wäre eine Verzögerung nicht mehr erklärbar?
Verlängern ist kein Scheitern. Wenn du merkst, dass es später wird, verschiebst du sie unterwegs — das ist der vorgesehene Weg, kein Notbehelf.
Und der Abschluss gehört zur Tour. Die häufigste Ursache für einen Fehlalarm ist der, der abends zufrieden im Auto sitzt und vergisst, die Tour zu beenden.
Ein Ablauf für den Tourentag
- Am Vorabend: Gehzeit berechnen, Zuschläge addieren, Rückwärtsrechnung machen, Umkehrzeit notieren.
- Vor dem Start: Tour starten und die Endzeit setzen — geplante Rückkehr plus Puffer.
- Unterwegs: An zwei bis drei festen Punkten die Zeit gegen den Plan halten. Nicht ständig, sondern an Stellen, die du vorher bestimmt hast.
- An der Umkehrzeit: Entscheiden, nicht verhandeln.
- Nach dem Abstieg: Tour abschließen. Als Erstes, noch vor dem Kaffee.
Die Zeit, die in keiner Planung steht
Vier Posten, die regelmäßig fehlen und zusammen leicht eine Stunde ergeben:
Der Weg vom Parkplatz zum Wegbeginn. Zwanzig Minuten Asphalt oder Forststraße, an beiden Enden des Tages.
Das Umziehen und Packen am Auto. Jacke wechseln, Schuhe schnüren, Rucksack sortieren — realistisch zehn bis fünfzehn Minuten.
Die Orientierungsstopps. Auf einer unbekannten Tour summieren sich fünf Minuten an jeder Gabelung schnell auf eine halbe Stunde.
Die Fotostopps. Wer allein geht, fotografiert mehr, weil niemand wartet.
Diese Posten stehen in keiner Gehzeitformel, weil sie nichts mit der Strecke zu tun haben. Sie erklären aber den größten Teil der Abweichung zwischen berechneter und tatsächlicher Dauer.
Der praktische Umgang damit ist einfach: Sie gehören in den Puffer, nicht in die Gehzeit. Und sie sind ein guter Grund, die Endzeit von vornherein eine Stunde großzügiger zu setzen als die reine Rechnung ergibt — dann muss man sie unterwegs nicht verschieben, was ohne Empfang ohnehin nicht ginge.
Häufige Fragen
Wie viel Puffer ist richtig? Für eine Tagestour allein: mindestens eine Stunde bis zum harten Termin, plus die Zuschläge auf die Gehzeit. Wer regelmäßig ohne Puffer ankommt, hat Glück gehabt, keinen guten Plan.
Ich weiß aus Erfahrung, wie schnell ich bin. Dann trag es ein und vergleiche. Fast alle Menschen liegen über ihrer Selbsteinschätzung, und der Tourenbuch-Beitrag zeigt, wie man den eigenen Wert ermittelt statt ihn zu schätzen.
Was, wenn ich die Endzeit zu knapp gesetzt habe? Verlängern. Das dauert Sekunden und ist ausdrücklich vorgesehen — besser einmal verlängern als die Absicherung generell zu weit stellen.
Und wenn ich keinen Empfang habe, um zu verlängern? Dann greift der Ablauf wie vorgesehen: erst der Anruf an dich, dann die Benachrichtigung. Deshalb setzt man die Endzeit von vornherein mit Puffer — mehr dazu in Teil 7 dieser Serie.
Zählt der Rückweg zum Auto mit? Ja. Die Tour endet am Auto, nicht am Wegende — und die letzte halbe Stunde auf Asphalt fehlt in den meisten Planungen.
Kurz gefasst
- Allein fehlt das Korrektiv für die Zeit — niemand bremst, niemand rechnet mit.
- Rückwärts rechnen: harter Termin → Puffer → Abstieg → Aufenthalt → späteste Gipfelzeit.
- Zuschläge addieren: allein 10–15 %, unbekannt 15–20 %, Nässe im Abstieg 20–30 %.
- Umkehrzeit schriftlich und an einen Ort gebunden, nicht nur an eine Uhrzeit.
- Endzeit hinterlegen — der einzige Teil der Planung, der ohne dein Zutun läuft.
- Endzeit = geplante Rückkehr plus ein bis zwei Stunden, nicht beliebig weit.
- Tour abschließen gehört zur Tour.