Tourenplanung: So schätzt du Gehzeiten realistisch ein
Im Wanderführer stehen 4:30 Stunden. Du bist nach 7 Stunden noch nicht am Auto, es dämmert, und dein Handy hat 8 Prozent. Diese Geschichte hat fast jeder schon erlebt — und sie beginnt nicht am Berg, sondern am Küchentisch bei der Planung.
Die gute Nachricht: Gehzeiten lassen sich erstaunlich genau schätzen. Man muss nur wissen, was die Zahl im Führer eigentlich bedeutet und was sie systematisch verschweigt.
Was die Zahl im Wanderführer wirklich sagt
Die allermeisten Gehzeitangaben im Alpenraum stammen aus einer einzigen, sehr einfachen Formel — der sogenannten DAV-Formel:
- 300 Höhenmeter Aufstieg pro Stunde
- 500 Höhenmeter Abstieg pro Stunde
- 4 Kilometer horizontale Strecke pro Stunde
Und dann kommt der Teil, den fast niemand kennt: Man rechnet nicht einfach alles zusammen. Man nimmt den größeren der beiden Werte (Höhenzeit oder Streckenzeit) und addiert die Hälfte des kleineren.
Ein Beispiel. Eine Tour mit 900 Höhenmetern Aufstieg und 12 Kilometern Strecke:
- Höhenzeit: 900 ÷ 300 = 3 Stunden
- Streckenzeit: 12 ÷ 4 = 3 Stunden
- Gehzeit: 3 + (3 ÷ 2) = 4,5 Stunden
Das ist die 4:30 aus dem Führer. Und jetzt kommt der wichtige Satz: Das ist eine reine Bewegungszeit für eine durchschnittlich fitte Person bei guten Bedingungen ohne jede Pause.
Kein Vesper. Kein Fotostopp. Kein Kartenlesen an der Weggabelung. Kein Schnee im Juni, kein Gegenwind, keine schmerzende Ferse. Die Zahl beschreibt einen Idealtag, den es in der Realität selten gibt.
Die vier Dinge, die jede Schätzung sprengen
1. Pausen — der mit Abstand größte Posten
Auf einer Tagestour summieren sich Pausen fast immer auf 60 bis 90 Minuten. Gipfelrast, zweimal trinken, einmal Jacke an, einmal Jacke aus, kurz auf die Karte schauen. Jede einzelne fühlt sich nach „fünf Minuten" an und dauert zwölf.
Faustregel: Rechne pro Stunde Gehzeit 10 Minuten Pause dazu. Bei unserer 4,5-Stunden-Tour sind das 45 Minuten — und das ist eher sparsam gerechnet.
2. Die Gruppe geht so schnell wie ihr langsamstes Mitglied
Und zwar nicht nur ein bisschen langsamer. Eine Gruppe verliert zusätzlich Zeit durch Abstimmung: warten an Kreuzungen, sammeln vor dem steilen Stück, gemeinsam entscheiden. Ab vier Personen kannst du 20 bis 30 Prozent aufschlagen, ab acht Personen eher 40.
3. Der Untergrund
Die DAV-Formel unterstellt einen normalen Bergweg. Was sie nicht kennt:
| Gelände | Realistischer Aufschlag |
|---|---|
| Blockwerk, grober Schutt | +30 bis 50 % |
| Altschneefelder im Frühsommer | +30 % und mehr |
| Nasse Wurzeln, Matsch nach Regen | +20 % |
| Weglos oder schlecht markiert | +50 % und mehr |
| Steiler Abstieg auf Geröll | +30 % (Abstieg ist oft langsamer, nicht schneller!) |
Der letzte Punkt überrascht viele. Die Formel sagt 500 Höhenmeter Abstieg pro Stunde — aber das gilt für gut gestufte Wege. Auf rutschigem Schotter mit müden Knien sind 300 realistischer.
4. Deine Tagesform
Nach einer kurzen Nacht, bei 30 Grad oder mit einem 12-Kilo-Rucksack bist du keine „durchschnittlich fitte Person". Das ist keine Schwäche, das ist Physiologie. Plane danach.
Die ehrliche Rechnung
Nehmen wir unsere Beispieltour, zu dritt, im Juni mit Restschnee ab 2000 Metern:
Formelzeit 4:30 h
+ Pausen (10 min/h) 0:45 h
+ Gruppe (3 Personen, +15 %) 0:40 h
+ Altschneefelder (+30 % auf 1/3) 0:30 h
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Realistische Gesamtdauer 6:25 h
Aus 4:30 sind fast 6,5 Stunden geworden. Das ist kein Pessimismus, das ist die Zahl, die eintritt.
Vom Zeitbedarf zur Endzeit
Jetzt der eigentlich wichtige Schritt — und der, den die meisten überspringen. Aus der Gehzeit wird eine Uhrzeit, zu der du zurück sein willst. Und die braucht noch einen Sicherheitsaufschlag.
Meine Empfehlung: plus 25 Prozent auf die realistische Dauer, mindestens aber eine Stunde.
Bei 6:25 Stunden sind das rund 8 Stunden. Startest du um 7 Uhr, ist deine Endzeit 15 Uhr.
Und dann die Gegenprobe, die eine Tour rettet oder kippt:
- Wann wird es dunkel? Im Oktober um 18:30 — passt. Ende November um 16:30 — wird eng.
- Wann fährt die letzte Bahn? Wenn die Talabfahrt um 16:30 schließt, ist dein Puffer aufgebraucht, nicht deine Sicherheit.
- Wann kippt das Wetter? Sommerliche Wärmegewitter kommen häufig ab 14 Uhr. Eine Endzeit um 15 Uhr am Grat ist dann keine gute Idee.
Die knappste dieser drei Zahlen gewinnt. Immer.
Warum die Endzeit mehr ist als Zeitmanagement
Bis hierher war das Planung. Jetzt kommt der Teil, der über Sicherheit entscheidet.
Eine Endzeit, die nur in deinem Kopf existiert, hilft niemandem. Wenn du um 15 Uhr zurück sein wolltest und um 19 Uhr immer noch nicht am Auto bist, dann ist die entscheidende Frage nicht, ob du das merkst — sondern ob es jemand anderes merkt.
Genau dafür ist Alpen Buddy gebaut. Du hinterlegst die Endzeit beim Start der Tour. Meldest du dich bis dahin nicht zurück, ruft dich zuerst ein Sprachassistent an. Vielleicht sitzt du einfach länger auf der Hütte — dann verlängerst du direkt im Gespräch um zwei Stunden, fertig. Reagierst du aber nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher festgelegt hast. Mit deiner geplanten Route und deinem letzten bekannten Standort.
Der Unterschied zwischen „ich bin spät dran" und „mich sucht niemand" sind ein paar Sekunden bei der Tourenplanung.
Die Kurzfassung
- Gehzeiten im Führer sind reine Bewegungszeit ohne Pausen — nach der DAV-Formel: größerer Wert plus halber kleinerer.
- Rechne 10 Minuten Pause pro Gehstunde dazu.
- Schlage für Gruppe, Gelände und Tagesform auf — realistisch sind 20 bis 50 Prozent.
- Auf die Summe noch 25 Prozent Puffer, mindestens eine Stunde.
- Prüfe gegen Dunkelheit, letzte Bahn und Wetterumschwung — die knappste Zahl zählt.
- Und dann: die Endzeit hinterlegen, damit jemand merkt, wenn sie verstreicht.
Planung ersetzt keine Erfahrung. Aber sie sorgt dafür, dass du deine Erfahrung nicht ausgerechnet im Dunkeln sammeln musst.