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Höhenkrankheit: kein Himalaya-Thema, sondern ein Alpenthema

Höhenkrankheit: kein Himalaya-Thema, sondern ein Alpenthema

Höhenkrankheit klingt nach Expedition. Nach Sauerstoffflaschen, Basislager und Menschen in dicken Daunenanzügen.

Tatsächlich ist sie ein Alpenthema. Erste Symptome können bereits ab etwa 2.500 Metern auftreten. Zwischen 2.500 und 3.000 Metern zeigen rund 9 Prozent der Bergsteiger Anzeichen einer milden Höhenkrankheit, auf 3.650 Metern ist es fast ein Drittel.

Das heißt: Wer aus dem Flachland anreist und am zweiten Tag einen Dreitausender angeht, bewegt sich in einem Bereich, in dem das ein realistisches Thema ist. Und die meisten deuten die Zeichen falsch — als Erschöpfung, als schlecht geschlafen, als Kater.

Was in der Höhe passiert

Der Sauerstoffanteil der Luft bleibt überall gleich, aber der Luftdruck sinkt. Auf 3.000 Metern steht dem Körper nur noch rund zwei Drittel des Sauerstoffs zur Verfügung, den er auf Meereshöhe bekäme.

Der Körper reagiert sofort: schnellere Atmung, höherer Puls, später vermehrte Bildung roter Blutkörperchen. Diese Anpassung braucht Tage, nicht Stunden — und genau darin liegt das Problem beim Wochenendbergsteigen.

Solange die Anpassung hinterherhinkt, kann Flüssigkeit ins Gewebe austreten. Im leichten Fall betrifft das den Kopf und erzeugt die typischen Beschwerden. Im schweren Fall die Lunge oder das Gehirn — und dann wird es lebensbedrohlich.

Die Symptome

Die milde Form (akute Bergkrankheit) beginnt meist sechs bis zwölf Stunden nach dem Aufstieg:

  • Kopfschmerzen — das Leitsymptom. Ohne Kopfschmerz keine akute Bergkrankheit.
  • Schwindel, Benommenheit
  • Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen
  • Schlafstörungen
  • Kurzatmigkeit bei Anstrengung, erhöhter Puls
  • Konzentrationsschwierigkeiten

Wichtig ist die Faustregel: Kopfschmerzen in der Höhe sind Höhenkrankheit, bis das Gegenteil bewiesen ist. Nicht der Wein von gestern, nicht die Sonne, nicht die Verspannung.

Die schweren Formen sind Notfälle und erfordern sofortigen Abstieg:

Höhenlungenödem — zunehmende Atemnot auch in Ruhe, Leistungsknick, trockener Husten, später rasselnde Atmung, bläuliche Lippen.

Höhenhirnödem — schwere Kopfschmerzen ohne Besserung, Erbrechen, Gangunsicherheit (der wichtigste Test), Verwirrtheit, Wesensveränderung, bis zur Bewusstlosigkeit.

Der einfachste Test im Gelände: Lass die Person zehn Schritte auf einer gedachten Linie gehen, Ferse an Zehe. Wer das nicht mehr sauber kann, hat ein neurologisches Problem — und muss sofort abwärts.

Wanderer auf einem hochalpinen Grat oberhalb von 3.000 Metern, Gletscher und Fels ringsum
Ab 2.500 Metern beginnt der Bereich, in dem Höhenkrankheit realistisch wird — auch in den Alpen.

Die drei Regeln

Alles Wesentliche steckt in drei Sätzen, die man sich merken kann:

1. Steige nicht weiter auf, solange du Symptome hast. Bleiben, wo du bist, trinken, ausruhen. In vielen Fällen bessert es sich innerhalb von Stunden bis einem Tag.

2. Verschlimmern sich die Symptome — steig ab. Sofort. Nicht morgen früh. Absteigen ist die einzige Behandlung, die zuverlässig wirkt.

3. Bei Gangunsicherheit oder Atemnot in Ruhe: sofort absteigen, unabhängig von Tageszeit und Wetter. Das sind die Zeichen der schweren Formen, und sie verzeihen kein Abwarten.

Schon 300 bis 500 Höhenmeter Abstieg bringen oft deutliche Besserung.

Akklimatisierung: wie es richtig geht

Für Alpentouren bis etwa 3.500 Meter gelten diese Empfehlungen:

Früher anreisen. Wer zwei bis drei Tage vorher kommt und in dieser Zeit einfache Touren um 3.000 Meter macht, hat eine deutlich höhere Gipfelchance — und deutlich weniger Beschwerden. Das ist die wirksamste Einzelmaßnahme überhaupt.

Oberhalb von 3.000 Metern: höchstens 500 Höhenmeter Schlafhöhe pro Tag, und alle drei bis vier Nächte ein Ruhetag.

„Climb high, sleep low." Tagsüber höher steigen, zum Schlafen wieder absteigen. Der Reiz wirkt, ohne dass die Nacht darunter leidet.

Langsam gehen. In der Höhe ist das Tempo der wichtigste Hebel. Wer im Sprechtempo geht, kommt besser an als der, der sich hochkämpft.

Viel trinken. In der Höhe steigt der Flüssigkeitsbedarf durch die schnellere Atmung in trockener Luft. Details im Beitrag Trinken und Essen auf Tour.

Kein Alkohol, besonders nicht in den ersten Nächten. Er dämpft die Atmung genau dann, wenn sie gebraucht wird.

Keine Schlafmittel. Aus demselben Grund.

Und die unbequeme Wahrheit: Fitness schützt nicht. Sportliche Menschen sind sogar leicht gefährdeter, weil sie schneller aufsteigen und sich weniger Zeit lassen. Die Anpassungsfähigkeit ist individuell und lässt sich nicht trainieren — wer einmal betroffen war, ist es mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder.

Berghütte auf über 2.500 Metern im Abendlicht, Gletscher im Hintergrund
„Climb high, sleep low“ — tagsüber höher, zum Schlafen tiefer.

Der typische Alpenfall

So sieht es in der Praxis aus, und so entsteht das Problem:

Freitagabend Anreise aus dem Flachland, Übernachtung im Tal auf 1.200 Metern. Samstag mit der Bahn auf 2.800, Aufstieg zur Hütte auf 3.100, dort Übernachtung. Sonntag früh der Gipfel auf 3.500.

Das sind fast 2.000 Höhenmeter Schlafhöhengewinn innerhalb von 24 Stunden — deutlich mehr als jede Empfehlung. Dass dabei ein erheblicher Teil der Gruppe mit Kopfschmerzen und Übelkeit auf der Hütte sitzt, ist kein Pech, sondern die vorhersehbare Folge.

Was man anders machen kann, ohne die Tour aufzugeben:

  • Am Anreisetag noch eine kleine Tour auf 2.000 bis 2.500 Meter gehen statt im Tal zu bleiben
  • Eine Nacht mehr einplanen und tiefer schlafen
  • Am Hüttenabend viel trinken, früh essen, keinen Alkohol
  • Und: den Gipfel aufgeben können. Wer mit Kopfschmerz aufsteht, hat die Antwort schon.

Was Medikamente können — und was nicht

Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen sind in Ordnung und helfen bei der milden Form. Sie behandeln aber nur das Symptom. Wer die Kopfschmerzen wegdrückt und weiter aufsteigt, verschleiert das wichtigste Warnzeichen, das er hat.

Vorbeugende Medikamente gegen die Höhenkrankheit gibt es. Sie sind verschreibungspflichtig, haben Nebenwirkungen und sind für alpine Touren in aller Regel nicht nötig — die Akklimatisierung ist das bessere Mittel. Wer sie erwägt, bespricht das mit einem Arzt, idealerweise einem mit höhenmedizinischer Erfahrung, und nicht drei Tage vor der Abreise.

Was nachweislich nichts bringt: Sauerstoffdosen aus der Apotheke, Knoblauchpräparate, Ginkgo, und die verbreitete Idee, man müsse sich „durchbeißen".

Wenn es ernst wird

Ein Höhenlungen- oder Höhenhirnödem ist ein Notfall. Was zu tun ist:

  1. Sofort absteigen. So weit wie möglich, mindestens 500 Höhenmeter. Wenn die Person nicht selbst gehen kann, ist das ein Rettungseinsatz.
  2. Notruf 112. Bei Verdacht immer, nicht abwarten.
  3. Warm halten, aufrechte Position bei Atemnot.
  4. Nicht allein lassen. Die Symptome verschlechtern sich mitunter schnell, und die Betroffenen unterschätzen ihren Zustand systematisch — das gehört zum Krankheitsbild.

Punkt 4 ist der, der in der Gruppe zählt: Wer betroffen ist, urteilt schlecht über sich selbst. Die Entscheidung zum Abstieg müssen oft die anderen treffen.

Und beim Alleingehen fällt genau dieser Schutz weg. Ein Höhenhirnödem macht handlungsunfähig, bevor der Betroffene versteht, was passiert. Deshalb ist bei hochalpinen Alleintouren eine hinterlegte Endzeit besonders wertvoll: Bei Alpen Buddy legst du beim Start fest, wann du zurück sein willst — verstreicht die Zeit, ruft dich ein Sprachassistent an, und meldest du dich nicht, werden die Menschen benachrichtigt, die du vorher bestimmt hast, mit Route und letztem bekanntem Standort.

Die Höhenstufen im Überblick

Zur Einordnung, welche Höhe was bedeutet:

Höhe Was passiert
bis 1.500 m Praktisch keine Auswirkung, außer bei Vorerkrankungen
1.500–2.500 m Leistungsfähigkeit sinkt messbar, Beschwerden selten
2.500–3.500 m Bereich, in dem die akute Bergkrankheit auftritt — die meisten Alpengipfel
3.500–5.500 m Höhenkrankheit häufig, Akklimatisierung zwingend
über 5.500 m Dauerhafter Aufenthalt nicht möglich, der Körper baut ab

Für Alpentouren bewegt man sich also fast immer in der dritten Zeile. Das ist der Bereich, in dem Akklimatisierung etwas bringt und in dem Fehler spürbar werden — aber auch der, in dem ein Abstieg von wenigen hundert Metern schnell Besserung bringt.

Ein Punkt, den man dabei kennen sollte: Die Schlafhöhe zählt mehr als die Tageshöhe. Ein Tagesausflug auf 3.400 Meter mit Rückkehr auf 1.800 belastet den Körper deutlich weniger als eine Übernachtung auf 3.000. Deshalb ist die Wahl der Hütte oft wichtiger als die Wahl des Gipfels.

Was gegen Beschwerden hilft

Wenn die milden Symptome da sind und ein Abstieg nicht sofort nötig ist:

Trinken. Reichlich und über den Abend verteilt. Dehydrierung verstärkt die Beschwerden.

Langsam machen. Kein weiterer Aufstieg, keine Anstrengung.

Warm halten. Kälte verschlechtert die Sauerstoffversorgung im Gewebe.

Leicht essen. Kohlenhydratbetont, auch wenn der Appetit fehlt.

Tief atmen. Bewusste, tiefe Atemzüge helfen tatsächlich — besonders vor dem Einschlafen, wenn die Atmung flacher wird.

Aufrecht schlafen, wenn Kopfschmerz und Atemnot stören. Ein zusätzliches Kissen oder der Rucksack unter dem Oberkörper.

Und die Beobachtung, die zählt: Wenn es nach einer Nacht nicht besser ist, geht es abwärts. Nicht weiter aufwärts, nicht abwarten.

Häufige Fragen

Ab welcher Höhe soll ich aufpassen? Ab etwa 2.500 Metern Schlafhöhe. Tagsüber kurz höher zu sein ist deutlich unproblematischer als dort zu übernachten.

Kann ich mich im Flachland vorbereiten? Ausdauertraining hilft der Tour, aber nicht der Höhenanpassung. Höhentraining in Kammern kann etwas bringen, ist aber für Alpentouren übertrieben.

Ich hatte schon einmal Höhenkrankheit. Heißt das, ich bekomme sie wieder? Die Wahrscheinlichkeit ist erhöht. Dann besonders langsam aufsteigen und eine zusätzliche Akklimatisierungsnacht einplanen.

Was ist mit Kindern? Kinder sind nicht empfindlicher, aber sie äußern Beschwerden schlechter. Bei Quengeln, Appetitlosigkeit und Kopfweh in der Höhe zuerst an Höhenkrankheit denken.

Hilft Sport in der Höhe bei der Anpassung? Moderate Bewegung ja, harte Belastung nein. In den ersten Tagen bewusst langsam.

Kurz gefasst

  • Höhenkrankheit beginnt in den Alpen — ab etwa 2.500 Metern, auf 2.500 bis 3.000 sind rund 9 Prozent betroffen.
  • Kopfschmerz ist das Leitsymptom und gilt in der Höhe als Höhenkrankheit, bis das Gegenteil feststeht.
  • Drei Regeln: nicht weiter aufsteigen mit Symptomen · bei Verschlechterung absteigen · bei Gangunsicherheit oder Atemnot in Ruhe sofort absteigen.
  • Gangtest: zehn Schritte Ferse an Zehe. Klappt das nicht, geht es abwärts.
  • Akklimatisierung: früher anreisen, max. 500 Höhenmeter Schlafhöhe pro Tag über 3.000, „climb high, sleep low".
  • Fitness schützt nicht. Alkohol und Schlafmittel schaden.
  • Absteigen ist die Behandlung, die zuverlässig wirkt — schon 300 bis 500 Meter helfen.

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Wer hochalpine Touren plant und Vorerkrankungen hat, spricht vorher mit einem Arzt.